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Freiheit im Christentum

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Lucan-7
Themenstarter
Beiträge : 29396

Dieses Thema kam kürzlich hier in einem anderen Thread auf, und wenn man über "Freiheit im Christentum" redet, dann muss man natürlich fragen, was "Freiheit" eigentlich überhaupt bedeutet. Und das kann sehr verschieden sein.

Für die meisten bedeutet "Freiheit" wohl so viel: "Ich kann tun, was ich will". Für den einen ist das Reisefreiheit, für den anderen die Freiheit der Rede. Viele meinen damit vor allem die eigene Freiheit... Faschisten wünschen sich allerdings die Freiheit, andere unterdrücken zu dürfen, wieder andere wünschen sich ein Land, das "frei" von Menschen ist, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen, andere verstehen darunter Reichtum, etliche auch sexuelle Freiheiten... der Möglichkeiten sind da viele.

Ich möchte mich hier mal auf einen bestimmten Gegensatz konzentrieren, der wohl für das Christentum prängend ist. Denn das Christentum wird von vielen Menschen - häufig durchaus zu recht - als einengend und unfrei wahrgenommen. "Christentum" bedeutet für viele Menschen Beschränkungen und Verbote... dies ist schlecht, das ist "Sünde", alles ist verboten. Und etliche Threads hier im Forum in der Form: "Darf man als Christ dieses oder jenes tun...?" scheinen das auch zu bestätigen.

Häufig steht dabei eine generelle Lustfeindlichkeit des Christentums im Zentrum, wobei die Sexualität natürlich eine sehr große Rolle spielt. Kein Sex vor der Ehe, keine Selbstbefriedigung, kein Fremdgehen, keine lüsternen Blicke oder Fantasien... alles ist verboten und eingeschränkt. Manchmal sogar bis hin zu bestimmten Praktiken in der Ehe. Hinzu kommen auch andere Dinge wie Völlerei, Gier und anderes... manche mögen sagen: Alles was Spaß macht ist nicht erlaubt.

Folglich gibt es Tendenzen, die "Freiheit" als etwas betrachten, das dem christlichen Glauben entgegensteht. Warum soll man erwachsene Menschen nicht tun lassen, was sie wollen? Wenn sie sich sexuell austoben wollen... bitte sehr, ist doch nichts dabei, solange alle einverstanden sind! Sollen die Leute doch machen was sie wollen, wer will sich da von irgendwelchen Vorschriften irgendwas verbieten lassen...? Wer Spaß an Orgien hat, welcher Art auch immer... bitte sehr, Freiheit ist angesagt!

Interessanterweise hat Paulus den Begriff der "Freiheit" ganz anders aufgefasst, und das finde ich tatsächlich spannend. Denn Paulus betrachtete jene Leute, die sich ganz ihren Trieben hingaben, als "unfrei". Denn sie waren ja Sklaven des Fleisches, also ihrer Triebe, hatten ihr Leben nicht unter Kontrolle, gaben sich Dingen hin, die ihnen letztlich schadeten.

"Freiheit" bedeutete für Paulus, sich nicht von seinen Trieben beherrschen zu lassen, sondern die Kontrolle dem "Geist" zu übergeben - und nicht dem "Fleisch". 

Paulus hat den Begriff der "Freiheit" also quasi ins Gegenteil verkehrt: "Freiheit" bedeutete nicht, seinen Trieben jederzeit folgen zu können - sondern genau das eben nicht zu tun... bzw. nicht tun zu müssen!

Allerdings besteht der Verdacht, dass Paulus hier möglicherweise zu weit ging. Denn er hat ja auch die Ehelosigkeit propagiert, und das mit der Bemerkung, dass jene, die es halt sonst nicht aushalten, durchaus heiraten mögen... es aber besser sei, es nicht zu tun.

Hier zeigt sich wohl auch die Lustfeindlichkeit, die man dem Christentum oft vorwirft, in dem es nicht nur darum geht, die fleischlichen Gelüste zu kontrollieren - sondern sie vollkommen zu unterdrücken oder sogar zu negieren.

Damit geht der Glaube aber meiner Ansicht nach zu weit, weil das letztlich eine Selbstverleugnung bedeutet. Den Ansatz, die eigenen Triebe zu kontrollieren kann ich noch mitgehen... alles zu leugnen und zu unterdrücken hat aber nichts mehr mit "Freiheit" zu tun, meiner Ansicht nach.

Wichtig finde ich jedenfalls, die unterschiedlichen Vorstellungen von "Freiheit" zu berücksichtigen... und die Frage zu bedenken, wie viel "Freiheit" (in deren Vorstellung) man anderen Menschen zugestehen kann.

Wie sehr ihr das?

Ist Christentum mit "Freiheit" vereinbar... oder ist es eher eine Einschränkung...?

 

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510 Antworten
Katechon
Beiträge : 139
Veröffentlicht von: @lucan-7

Und kein Mensch sagt sich eines morgens nach dem Aufwachen: "Hey, ich habe Lust, heute mal etwas Böses zu wollen!"

Vielleicht der Bankräuber, der sich nach längerer Planung sagt ›heute ist der Tag, heute setze ich meinen Verstoß gegen das 7. Gebot in die Tat um‹ ? 😉

katechon antworten


Katechon
Beiträge : 139
Veröffentlicht von: @lucan-7

… aber ich nehme einfach mal wohlwollend an, dass es Leute gibt, die glauben dass das Lesen der Bibel automatisch zu den mehr oder weniger gleichen Schlussfolgerungen führen muss.

Wenn wir bedenken, dass die Evangelien und die ersten Werke in der Bibel auf Altgriechisch geschrieben wurden … teilweise Jahrhunderte nach Jesus Auferstehung … Jesus selbst auf Aramäsch gepredigt haben wird (meine Annahme) … die Schrift dann ins Lateinische und später von Luther ins Mittelhochdeutsche übersetzt wurde … ergeben sich durchaus Fragen zur Akkuratesse.

Deshalb lese ich in der Lutherbibel von 1912, der Elberfelder von 1871, der Genfer (nach Schlachter) und vergleiche … um sinnerfassend zu lesen … . 

Mann könnte also durchaus zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. ich bin nicht so vermessen meine als die einzig richtige zu präsentieren.

katechon antworten
kerygma
Beiträge : 62
Veröffentlicht von: @lucan-7

Und da sind wir eben wieder bei den Menschen, die Schlechtes tun... Gott könnte sich ihnen zu erkennen geben und sie zum Glauben führen. Aber er tut es eben nicht. 

Doch, schon. Er hat sich in Jesus Christus sichtbar in der Geschichte offenbart. Ob der Mensch die damit verbundene Gnade annimmt, ist keine andere Frage als die im Paradies. Auch da hatten die Menschen interessanterweise ausreden, warum sie eigentlich nicht Schuld sind (die Frau wars, die Schlange wars). 

 

kerygma antworten
9 Antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29396

@kerygma 

Doch, schon. Er hat sich in Jesus Christus sichtbar in der Geschichte offenbart. Ob der Mensch die damit verbundene Gnade annimmt, ist keine andere Frage als die im Paradies. Auch da hatten die Menschen interessanterweise ausreden, warum sie eigentlich nicht Schuld sind (die Frau wars, die Schlange wars). 

Und da sehe ich eben den großen Widerspruch.

Einerseits kann der Mensch von sich aus nicht zum Glauben kommen, sondern nur durch Gottes Gnade. Man kann sich den Glauben nicht erarbeiten.

Andererseits soll der Mensch aber dennoch selbst dafür verantwortlich sein, wenn er nicht glaubt. Was ja bedeutet, dass der Mensch eben doch aktiv etwas tun muss, um sich den Glauben zu erkämpfen.

Also... was denn nun?

 

lucan-7 antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 3 Wochen

Beiträge : 62

@lucan-7 Jeder Mensch wird zur Entscheidung geführt, aber das „Ja“ muss er geben. Für seine Entscheidung ist er verantwortlich. Weil Du Geschenk sagst: er kann das Geschenk ablehnen.

kerygma antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29396

@kerygma 

Jeder Mensch wird zur Entscheidung geführt, aber das „Ja“ muss er geben. Für seine Entscheidung ist er verantwortlich. Weil Du Geschenk sagst: er kann das Geschenk ablehnen.

Jesus sagt aber, dass nur der zum Vater kommen kann, dem es ihm vom Sohn gegeben wurde und umgekehrt... er sagt ausdrücklich nicht: "Es ist allen Menschen gegeben, aber viele werden es ablehnen".

Zumal auch kaum ein Mensch wissentlich etwas ablehnen würde, das ihm zum Guten gereicht. Nicht zu vergessen, dass viele Menschen auch im Zusammenhang mit Kirche und Glauben sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Zu sagen, dass jeder eingeladen wurde, und man es dann eben selbst schuld sei, wenn man ablehnt, ist etwas zu einfach. 

Ansonsten könnte es ja passieren, dass man nach seinem Tod vor einem völlig unbekannten Gott steht, völlig blau und mit einem Löwenkopf, und der wirft einem dann vor, dass man seine Einladung rüde "abgelehnt" hat. Und dann überlegt man und fragt: "Was denn für eine Einladung? Ich erinnere mich an keine Einladung!"

Und der seltsame Gott sagt dann: "Doch, das war vor 25 Jahren, damals in Hamburg in der Innenstadt... da kam dieser barfüßige Mann mit den Postkarten und den langen Haaren auf dich zu und wollte dir etwas von "Washi dem Weisen" erzählen... das war meine Einladung an dich, aber du hast sie willentlich und rüde zurückgewiesen! Dafür werde ich dich jetzt strafen!"

Und dann erinnert man sich womöglich an so einen lästigen Typen in der Fussgängerzone, der dummes Zeug erzählte... und tja, das war dann halt die Einladung des einzig wahren Gottes, und in der Tat, man hat sie willentlich und in vollem Bewusstsein zurückgewiesen...

Klar, man hat es deshalb zurückgewiesen, weil man es für Unsinn hielt, logisch. Aber so ist es ja bei vielen anderen Menschen gegenüber dem Christentum ja auch: Es wird nicht aus Bosheit oder Überheblichkeit zurückgewiesen, sondern weil man es für unglaubwürdig hält. 

lucan-7 antworten
Samira-Jessica
(@samira-jessica)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 853

@lucan-7 

Jesus sagt aber, dass nur der zum Vater kommen kann, dem es ihm vom Sohn gegeben wurde und umgekehrt... er sagt ausdrücklich nicht: "Es ist allen Menschen gegeben, aber viele werden es ablehnen".

Hier ergibt sich wieder das Problem, dass man Verse aus dem Zusammenhang reißt ... lies weiter, Joh. 6,45:

„Schon bei den Propheten heißt es: ‚Gott selbst wird sie alle lehren.‘ Wer also auf den Vater hört und von ihm lernt, der kommt zu mir.“ (HFA)

samira-jessica antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29396

@samira-jessica 

„Schon bei den Propheten heißt es: ‚Gott selbst wird sie alle lehren.‘ Wer also auf den Vater hört und von ihm lernt, der kommt zu mir.“ (HFA)

Wer ist "sie alle"? Alle Menschen der Welt?

Oder doch nur "alle, die Gott zu Jesus führt"?

 

lucan-7 antworten
Samira-Jessica
(@samira-jessica)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 853

@lucan-7 alle sind alle Menschen.

Alle Menschen werden doch auch von Gott gerufen ... viele hören nur nicht hin.

samira-jessica antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29396

@samira-jessica 

alle sind alle Menschen.

Alle Menschen werden doch auch von Gott gerufen ... viele hören nur nicht hin.

Auch wieder so eine Aussage...

Gott ist also nicht in der Lage, sich den Menschen verständlich zu machen? 

Mir ist nämlich noch nie jemand begegnet, der mir erzählt hat: "Hey, gestern hat Gott mich gerufen... aber ich hatte keine Lust, mich mit ihm zu beschäftigen und habe nicht hingehört!"

Die Menschen sagen doch vielmehr: "Nö, da hat keiner gerufen..." 

 

lucan-7 antworten
Samira-Jessica
(@samira-jessica)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 853

@lucan-7 Steht so in der Bibel.

Und doch, ich glaube so ist das. Man hat ... natürliche Begabungen, Sehnsüchte usw. die immer wieder durchkommen (wollen), das ist für mich Gottes Rufen. Und man kann von anderen davon abgelenkt, verblendet werden und nicht hinhören wollen aber aufhören tut es nicht, meiner Erfahrung nach.

samira-jessica antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 3 Wochen

Beiträge : 62

@lucan-7 Ich würde hier mit dem Römerbrief 1 argumentieren:

"18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. 19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. 20 Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, an seinen Werken ersehen. Darum haben sie keine Entschuldigung. 21 Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert." 

kerygma antworten


Katechon
Beiträge : 139
Veröffentlicht von: @chai

Dann hat Gott Dich mit großer Willenstärke ausgestattet. 
Andere Menschen haben vielleicht nicht diese Stärke (oder haben sie nicht dauerhaft), dann ist das auch so.

Würde ich dem ersten Satz vorbehaltlos zustimmen, würde ich mir eine Aussage anmaßen, die mir nicht zusteht. Beim zweiten Satz aber stimme ich völlig zu, denn jeder Mensch ist mit anderen (durchaus oft gleichartigen | gleichwertigen , aber immer etwas anders geartet) Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgestattet … deshalb ist der Mensch ein Individuum.

Es ist nicht an mir zu beurteilen, zu bewerten oder gar zu richten.

katechon antworten
Katechon
Beiträge : 139
Veröffentlicht von: @lucan-7

Wie willst du denn etwas anderes wollen können als das, was du willst?

Ich habe mich mal mit einem von mir sehr geschätzten Mann unterhalten, ihn um einen Rat gebeten. Er sagte mir, ich solle in mich gehen und den richtigen Weg gehen.

Meine Frage war, ob er immer gewusst habe welcher der richtige Weg gewesen sei und ob er ihn immer gegangen sei.

Die Antwort war, dass er den richtigen Weg immer gesehen habe ihn aber meistens nicht gegangen sei… weil er ihm als zu schwierig, zu steinig, zu kraftraubend … kurzum … zu schwer erschien.

Sein eigener freier Wille hat ihn in diesen Situationen vom richtigen Weg abgehalten. Aber während unseres Gespräches nicht vom Pfad der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.

katechon antworten
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Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 4812

@katechon Ich weiß nicht, ob man den richtigen Weg 'immer' sieht. Aber ja, manchmal geht man auch andere Wege. 
Und ich finde es immer noch unglaublich, dass es diesen Gott gibt, der dann oft noch einen Plan B hat. 
Der - anders als manche Menschen - nicht sagt 'selber schuld, jetzt guck mal, wie Du zurechtkommst'.

chai antworten
Katechon
(@katechon)
Beigetreten : Vor 1 Woche

Beiträge : 139

Ich stimme Dir vollkommen zu.

katechon antworten


Katechon
Beiträge : 139
Veröffentlicht von: @lucan-7

Du wirst auch keinen Willen haben können, morgen Muslim zu werden. Denn so etwas will man ja nur, wenn man auch davon überzeugt ist, und ich gehe mal davon aus dass du davon kaum zu überzeugen sein wirst.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich mir meiner Sache (des Glaubens) nicht sicher war. Ich will es nicht als ›Glaubensprüfung‹ bezeichnen … ich habe nur Dinge gesehen, die mich (mich selbst) fragen ließen, ob ich noch auf dem richtigen Pfad bin. Ich habe mich dann der Philosophie (der Liebe zur Weisheit) zugewandt und habe die Werke des Konfuzius, des Laotse und des Mengzi gelesen. Auch Schriften der ›alten Griechen‹, des Dalai Lama, Hindutexte und vieles mehr. (Die Zoroastrier sind spannend!).

Mein freier Wille hat mich entscheiden lassen alle Werke zu durchdenken und verstehen zu wollen … und zu bleiben, was ich bin. Ein reformierter protestantischer Christ. Es hätte anders kommen können, denn ich bin nicht unfehlbar.

katechon antworten
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