Heilige Schrift und kirchliche Lehre
Die Gesamtproblematik von „Heiliger Schrift und kirchliche Lehre“ dreht sich mE um die Frage, wo die letztgültige Autorität des Glaubens verortet ist.
Da die Bibel kein systematisches Lehrbuch, sondern ein vielstimmiges Zeugnis ist, erfordert sie eine Instanz der Auslegung. Zwei unvereinbare (?) Systeme der Autoritätsbegründung stehen sich dabei gegenüber:
(1) Interpretations-Dilemma (Protestantismus): Das Prinzip „Sola Scriptura“ setzt das geschriebene Wort als Letztinstanz und vertraut auf die Klarheit des Textes.
Da jedoch ein verbindlicher „Schiedsrichter“ fehlt und jeder Gläubige die Bibel selbst auslegt, führt dieser Ansatz zwangsläufig zu innerprotestantischen Widersprüchen und einer Zersplitterung der Lehren.
(2) Kontinuitäts-Prinzip (Katholizismus): Der katholische Ansatz gründet auf der Annahme, dass Jesus Christus die Vollmacht zur Lehre und Leitung direkt an die Apostel und deren Nachfolger (das Lehramt) übertragen hat.
Diese Vollmacht existierte vor den Texten. Die Heilige Schrift begründet das Lehramt daher nicht, sondern bezeugt und bestätigt dessen göttliche Einsetzung im Nachhinein.
Unauflösbare (?) Differenz: Aus dieser Vollmacht heraus entfaltet die katholische Tradition Lehren (wie Mariendogmen), die im Bibeltext nur als Samenkorn angelegt sind, vom Lehramt aber als verbindlich erklärt werden.
Für Protestanten hingegen bleibt jede Lehre illegitim, die sich nicht direkt aus dem Wortlaut der Schrift herleiten lässt – sie lehnen eine personelle, vom Text unabhängige Vollmacht ab.
Im Kern geht es also um die Frage: Bezeugt die Bibel eine von Christus eingesetzte, lebendige Lehrautorität der Kirche, oder ist die Bibel selbst die einzige und direkt zugängliche Autorität für den Gläubigen?
Was mich beschäftigt:
A) Ist die Problemanalyse richtig?
B) Ist diese Differenz unauflösbar?
Vielleicht noch ein Gedanke:
Das Handauflegen zur Absicherung des "wahren Glaubens" scheint mir in den frühen Texten des Christentums nachgewiesen zu sein. Man könnte argumentieren, dass das mittlerweile überholt ist, weil durch die konfessionellen Zuordnungen leicht erkennbar ist, welche Gemeinde zu welcher Lehre gehört. Will man beispielsweise wissen, ob eine orthodoxe Kirchengemeinde authentisch ist, wird man da oft auf die Wikipedia Seite verwiesen, wo die Mutterkirchen aufgelistet sind, darüber kann man prüfen, wo die Gemeinde hingehört. Im frühen Christentum gab es diese konfessionellen Verwaltungen nicht, sondern diverse Gemeinden. Die Frage: "Wo hast Du eigentlich gelernt?" war durch die Sukzession beantwortbar. Heute stehen freikirchliche oder evangelikale Gemeinden allerdings vor dem gleichen Problem. Oft heißt es "Such Dir eine bibeltreue Gemeinde", aber wie prüfe ich, ob die Gemeinde ok ist? Meines Erachtens braucht das außerkonfessionelle Christentum auf diese Frage eine Antwort, denn es ist natürlich leicht, den Sukzessionsgedanken ablzulehnen, aber um ein vielfaches schwieriger, eine Lösung zu finden.
Veröffentlicht von: @sternDa hat es was anderes gebraucht für mich - nämlich ein Wort, das ich für mich alleine so zerkauen kann, dass ich weiss, worum es geht.
Ich gebe dir recht, dass auch die eigenständige Befassung mit Bibel und Gebet wichtig sind. Persönlich ist es mir aber wichtig geworden, das eine zu tun das andere nicht zu lassen.
„Gemeinsam kauen“, das wäre doch einmal ein Motto für die Reaktivierung des Kirchgangs…
Gemeinsam kauen“, das wäre doch einmal ein Motto für die Reaktivierung des Kirchgangs…
Das passiert ja nicht im Kirchgang…wäre es so, würde ich den Sonntag nicht abwarten können….ich weiss nicht wie bei dir die Gottesdienste sind (und ich denke, wir reden hier von katholischen, oder?), aber bei uns ist es die traditionelle Gottesdienstform - und dann hält man noch ein Schwätzchen vor der Kirche und das wars.
Der ev. Pfarrer hat dieses Manko erkannt und Bibelgespräche ins Leben gerufen, an denen man mit ihm (und den Teilnehmenden) über ein bestimmtes Thema in der Runde diskutieren konnte (Lieber Herr Dembek, Danke nochmals dafür von Herzen!)…das war aufbauend, erleuchtend, inspirierend…aber der Gottesdienst ist/war leider nicht so.
Wegen mir muss kein Pastor einen predikalen Zirkus veranstalten. Sinn und Zweck einer Messfeier ist kein hermeneutisches Feuerwerk, sondern vor allem die Anbetung Gottes. Die Homilie (nicht mit „Predigt“ zu verwechseln) dauert meistens ca. 10 bis max. 15 Minuten.
Und dann gibt‘s ja die Eucharistiefeier…
Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist die Heilige Messe. Diese Sichtweise habe ich mir zu eigen gemacht. Und die katholische Liturgie ist so „gestrickt“, dass eine tolle Predigt eine Nice-to-have ist, aber nicht der Grund warum ich zur Kirche gehe.
Übrigens finde ich auch, dass sich Christen ziemlich unglaubwürdig machen, wenn sie sonntags nicht einmal eine Stunde für eine gemeinschaftliche „Danksagungsfeier“ erübrigen können…
Übrigens finde ich auch, dass sich Christen ziemlich unglaubwürdig machen, wenn sie sonntags nicht einmal eine Stunde für eine gemeinschaftliche „Danksagungsfeier“ erübrigen können…
Ich kann diesen Gedanken zwar verstehen, aber damit beurteilst du etwas, was von aussen nicht zu beurteilen ist. Denn wer sagt dir denn, dass diese Nicht-in-den- Sonntagsgottesdienstgeher nicht ganz viel Zeit mit Danksagung in ihren eigenen vier Wänden verbringen? Vielleicht durchschnittlich betrachtet sogar viel länger als jeder Gottesdienstbesucher?
Ich kenne eine Reihe von Leuten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Kirche gehen können. Die hören sich einen GD im Fernsehen oder Internet an. Während der Corona-Zeit wurden auch GD unserer Gemeinde über Video übertragen.
Es gibt auch immerwieder Menschen, die sich bei schlechtestem Gesundheitszustand, also kurz vor dem Tod, in die Kirche schleppen, weil es ihnen so wichtig ist (das rührt mich dann immer sehr).
Die Frequenz der Anwesenheit in den Gottesdienst korreliert trotzdem nicht mit der Beziehung, die man zu Gott pflegt.
Vielleicht kommt der Tag, an dem ich das anders sehe…aber heute noch nicht.
Was beurteile ich da? Ich beschreibe einen eigentlich traurigen Zustand. 🥲 Dass Danksagung am Sonntag im Wesentlichen in den eigenen vier Wänden stattzufinden hätte, ist weder urchristlich noch biblisch. 🤔 Wer außerdem ein bestimmtes Verständnis vom Abendmahl hat, hat einen weiteren Grund sich auf eine solche gottesdienstliche Feier zu freuen. 😃
Platt gesagt: Wenn ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen werde, sage ich auch nicht, ich bleibe lieber zu Hause und feiere dich dort… 🥳
Ich will dir und auch anderen gerne glauben, dass sie zu Hause „ganz viel Zeit mit Danksagung“ verbringen. Ich weiß aber auch von vielen (mich eingeschlossen), dass man es sich vornimmt und dann doch selten umsetzt. Ganz zu schweigen von der „Feiergestaltung“.. .
Als mich eine muslimische Schülern fragte, „warum Christen nicht in die Kirche gehen“, verschlug es mir etwas die Sprache und seitdem frage ich mich das auch…
„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg. 2,42)
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg. 2,42)
Als wäre diese Geistes- und Herzenshaltung mit dem wöchentlichen Gottesdienst erfüllt…eher nein, oder?
Versteh das bitte nicht falsch: ich liebe christliche Gemeinschaft. Aber der Gottesdienst am Sonntag hat wenig damit zu tun, diese Eintracht auch zu erleben.
Veröffentlicht von: @holger-fQuelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist die Heilige Messe. Diese Sichtweise habe ich mir zu eigen gemacht.
Und die katholische Liturgie ist so „gestrickt“, dass eine tolle Predigt eine Nice-to-have ist, aber nicht der Grund warum ich zur Kirche gehe.
Und ich geh extra wegen der Predigt (die nicht 'toll' sein muss, aber mich irgendwie ansprechen sollte) in den Gottesdienst.
Übrigens finde ich auch, dass sich Christen ziemlich unglaubwürdig machen, wenn sie sonntags nicht einmal eine Stunde für eine gemeinschaftliche „Danksagungsfeier“ erübrigen können…
Jo. Aber es ist ja nicht nur eine Stunde - je nach Lebensumständen ist das ja schon mit mehr Aufwand verbunden.
Für mich war's z.B. mit kleinen Kindern der Stress, sie fertigzumachen, ins Auto zu setzen und einige Kilometer zu fahren, dann der Gottesdienst (meist im Mutter-Kind-Raum) und wieder retour. Daheim wartete ein Mann, der diesen ganzen Aufwand weder verstand noch unterstützte. Hätte es damals schon Online-Gottesdienste gegeben - ich hätte sie 'gefeiert'.
Wegen mir muss kein Pastor einen predikalen Zirkus veranstalten. Sinn und Zweck einer Messfeier ist kein hermeneutisches Feuerwerk, sondern vor allem die Anbetung Gottes. Die Homilie (nicht mit „Predigt“ zu verwechseln) dauert meistens ca. 10 bis max. 15 Minuten.
Und dann gibt‘s ja die Eucharistiefeier…
Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist die Heilige Messe. Diese Sichtweise habe ich mir zu eigen gemacht. Und die katholische Liturgie ist so „gestrickt“, dass eine tolle Predigt ein Nice-to-have ist, aber nicht der Grund, warum ich zur Kirche gehe.
Übrigens finde ich, dass sich Christen ziemlich unglaubwürdig machen, wenn sie sonntags nicht einmal eine Stunde für eine gemeinschaftliche „Danksagungsfeier“ erübrigen können…
Veröffentlicht von: @arcangelGott hat kein Buch vom Himmel geworfen, er hat seinen Sohn gesandt. Sein Sohn hat kein Buch geschrieben, sondern Jünger erwählt und bevollmächtigt.
Bist du dir da in dieser Aussage ganz sicher?
Ich hatte mich gedanklich zwar auf das Neue Testament konzentriert, würde aber meine Aussage nach deinem Beitrag noch einmal bestärken und ausdrücklich auch auf das Alte Testament bezogen wissen.
Dein Gedanke mit dem „Finger Gottes“ bei dem Schreiben der Gebotstafeln ist zwar originell und die Übertragung auf Jesus vielleicht noch irgendwie hinzubiegen. Aber die großzügige Generalisierung auf das komplette Alte Testament und darüber hinaus auf die gesamte Heilige Schrift, da würde ich dann nicht mehr „mitgehen“…
Katholischerseits würde man dich übrigens gewähren lassen und deine Deutung als zulässig und möglich „durchwinken“… 😊
Veröffentlicht von: @holger-fIch hatte mich gedanklich zwar auf das Neue Testament konzentriert, würde aber meine Aussage nach deinem Beitrag noch einmal bestärken und ausdrücklich auch auf das Alte Testament bezogen wissen.
soweit ich weiß ist der Islam die einzige Religion, die beansprucht, dass ihr Buch vom Himmel gefallen ist bzw. 1 zu 1 im Himmel existiert.
Das Buch Mormon soll auch vom Himmel gefallen sein…
Was heutzutage so alles vom Himmel fällt. Tsss…
„Ich habe nur Angst, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt! Aber es hat ja keine Eile, morgen ist schließlich auch noch ein Tag!“ (Majestix, gallische Häuptling)
Veröffentlicht von: @kerygmaMeinen Eindruck nach spricht die Bibel von der apostolischen Tradition, die vor allem bewahrt werden soll. Nicht von anderen Traditionen, die danach kommen. Wie passt die Idee, dass es den Aposteln wichtig war, das Überlieferte zu bewahren, zu einem Lehramt, das zusätzliche Lehren entfaltet?
Jesus forderte kein „Konservieren“, sondern kündigte an, dass der Heilige Geist die Kirche erst nach und nach „in die ganze Wahrheit führen“ wird (Joh 16,13). Die biblische Aufforderung, die Überlieferung zu bewahren (2. Thess 2,15), bedeutet daher, den Glaubenskern lebendig zu halten und auf neue Fragen anzuwenden.
Das katholische Lehramt erfindet folglich keine „Zusatzlehren“. Dogmen formulieren nur präziser aus, was in der apostolischen Botschaft von Anfang an wie ein Samenkorn angelegt war.
Interessanterweise hat auch der Protestantismus eine ähnlich gelagerte, verbindliche Tradition mit eigenen dogmatischen Festlegungen hervorgebracht und auf „dogmatische Traditionen“ wie die Zweinaturenlehre und die Dreifaltigkeitslehre zurückgegriffen…
Veröffentlicht von: @holger-fJesus forderte kein „Konservieren“, sondern kündigte an, dass der Heilige Geist die Kirche erst nach und nach „in die ganze Wahrheit führen“ wird (Joh 16,13). Die biblische Aufforderung, die Überlieferung zu bewahren (2. Thess 2,15), bedeutet daher, den Glaubenskern lebendig zu halten und auf neue Fragen anzuwenden.
"Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe" (Joh 14,26)
Der heilige Geist führt kein neues Evangelium ein. Er wird immer wieder auf Jesus hinweisen, denn "keiner kann bekennen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht den Heiligen Geist hat." (1Kor 12,3).
"Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6)
Paulus macht klar: Selbst wenn ein Apostel ein anderes Evangelium verkündet, sei er verdammt. Jesus ist die Wahrheit, der Geist lässt die Menschen Jesus als den Herrn bekennen, so führt der Geist in die Wahrheit, die Christus ist, ein.
Dass der Geist 2000 Jahre später noch Wahrheiten zu offenbaren hätte, die kein Apostel damals kannte, ist wenig überzeugend. So argumentieren auch neue religiöse Gruppen, dass ihr Führer der Geist wäre, der nun die volle Wahrheit verkündet. Zum Beispiel wenden Muslime den "Geist der Wahrheit" auf Mohammed an.
Das Argument, das man dagegen setzen muss, ist in diesem Fall das gleiche, das jetzt hier zu bringen ist: Wieso sollte Jesus seine Apostel im Stich lassen, wo er doch verkündet, dass sie an alles erinnert werden und ihnen alles gelehrt wird und Jahrhunderte warten und nicht seine Apostel lehren, sondern die NAchfolger der Apostel ?
Jesus ist die Wahrheit. Er ist das Wort Gottes. Er ist der Kanon. Durch ihn ist alles zu betrachten und zu bewerten. Nicht Lehren, die 2000 Jahre später kommen, sind der Maßstab, sondern Jesus ist der Kanon. Auf ihn führt der biblische Kanon hin.