Frage an römische Katholikinnen und Katholiken
Guten Morgen,
die Frage richtet sich an Christen, die mit einer römisch-katholischen Gemeinde verbunden sind.
Nutzt Ihr den Katechismus? Ist er für Euch hilfreich oder eher nicht? Wie seht Ihr den Aufbau, könnte er anders strukturiert sein? Was fehlt Euch?
Veröffentlicht von: @kerygmaNutzt Ihr den Katechismus? Ist er für Euch hilfreich oder eher nicht? Wie seht Ihr den Aufbau, könnte er anders strukturiert sein? Was fehlt Euch?
Ich nutze ihn, um gezielt Sachen nachzuschauen oder nachzulesen, aber nicht als gewöhnliche Lektüre von vorne nach hinten.
Da ich wie gesagt gezielt suche, habe ich mit dem Aufbau kein Problem, habe mich damit aber auch nicht vertieft beschäftigt.
Für den Einstieg empfehle ich das Kompendium des Katechismus.
Wie ist es für dich?
Veröffentlicht von: @kerygmaFür mich ging es oft darum, dass bestimmte Bibelstellen erklärt werden. Das war leider immer ernüchternd, weil man oft bei anderen Themen gelandet ist, die mit der ursprünglichen Bibelstelle gar nicht in Verbindung stehen. Weshalb ich der Kirche im Blick auf den Katechismus eine Art "Steinbruchexegese" vorwerfe.
Es scheint mir, als würdest du vom Katechismus etwas erwarten, was er gar nicht leisten kann oder will. Ein Katechismus ist etwas anderes als ein Bibelkommentar.
Veröffentlicht von: @kerygmaMan glaubt etwas und sucht dafür Aussagen oder Teilaussagen in der Schrift, auch wenn der Kontext ein ganz anderer ist. Z.b. bringt der Katechismus die biblischen Ausführungen zum Gericht mit der Beichte in Beziehung, was schon etwas kurios ist.
Wenn dich meine Meinung dazu interessiert, nenne gerne mal die entsprechende(n) Nummer(n) aus dem Katechismus (oder verlinke es oder kopiere es hier rein).
@pankratius Wenn die Kirche die Instanz ist, die mir die Bibel auslegen kann, dann würde ich erwarten, dass sie die Bibel auslegen kann. Tatsächlich nutzt die Kirche aber die Bibel, um den katholischen Glauben zu erklären - sie geht also selbst auf die Scriptura zurück und erklärt nicht die Scriptura durch die Tradition.
Wenn die Tradition durch die Schrift erklärt wird, bräuchte ich doch eine lehramtliche Erläuterung der Schrift, andernfalls wird die Schrift zur letzten Instanz und nichtt mehr das Lehramt.
Meine Beobachtung ist eben, dass die Art und Weise, wie der Katechismus aufgebaut ist, nicht dem entspricht, was die katholische Lesart ist.
Veröffentlicht von: @kerygma@pankratius Wenn die Kirche die Instanz ist, die mir die Bibel auslegen kann, dann würde ich erwarten, dass sie die Bibel auslegen kann. Tatsächlich nutzt die Kirche aber die Bibel, um den katholischen Glauben zu erklären - sie geht also selbst auf die Scriptura zurück und erklärt nicht die Scriptura durch die Tradition.
Wenn die Tradition durch die Schrift erklärt wird, bräuchte ich doch eine lehramtliche Erläuterung der Schrift, andernfalls wird die Schrift zur letzten Instanz und nichtt mehr das Lehramt.
Meine Beobachtung ist eben, dass die Art und Weise, wie der Katechismus aufgebaut ist, nicht dem entspricht, was die katholische Lesart ist.
Der katholische Glaube ist das Ergebnis von Heiliger Tradition und Heiliger Schrift. Deshalb wird die Katholische Kirche nicht darum herumkommen, den so erworbenen Glauben auch wieder rückwärts mit Heiliger Tradition und Heiliger Schrift zu erklären (wie es der KKK ja auch macht). Wo soll da der Widerspruch liegen?
Darf er doch. Und er wird auch zu guten Ergebnissen kommen. Nur nicht zu allen. Das drückt der Katholizismus so aus, dass in ihm „die Fülle“ vorhanden ist.
Heruntergebrochen auf die Ebene einer Begegnung zwischen Protestanden und Katholiken wird man sich doch wohl in 90% der christlichen Lehre und der dadurch beeinflussten Lebensauffassung einig sein.
😊
Veröffentlicht von: @kerygmaIch halte den Katechismus für Fluch und Segen zugleich. Aus ihm ist nicht die Hierarchie der Wahrheiten erkennbar, was am Ende dazu führt, dass der Gläubige die Priorität der Glaubensinhalte nicht einschätzen kann. Außerdem fehlt oft der historische Kontext. Es kann auch dazu führen, dass dem Gläubigen wichtige Zeit für das eigene Bibelstudium fehlt, weil er mehr damit beschäftigt ist, Lehrbriefe durchzuarbeiten. Das ist glaube ich ein Grund, warum am Ende etliche Katholiken ihre Thesen nicht biblisch begründen können. Der Katechismus hatte natürlich eine gute Intention, aber praktisch erhärtet er das Bild einer formalisierten Behörde und steht ein bisschen dem gelebten Glauben entgegen, den evangelische Gläubige u.a. durch den regen Austausch über das Wort Gottes erlangen können.
Das sehe ich z.T. auch so. Die katholische Lehre hat sich in 2000 Jahren entfaltet, man wird also nicht erwarten können, dass man sie „auf einem Bierdeckel“ schreiben kann. 😅
Das beginnt schon damit, dass bei Nichtkatholiken und Katholiken unklar ist, was ein Dogma genau (nicht) ist und wie es entsteht. So besteht - überspitzt formuliert - z.B. der Eindruck, die beiden letzten Mariendogmen hätten sich findige Kardinäle im Vatikan in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgedacht und dann damit das Glaubensvolk beglückt mit der nachdrücklichen Forderung, dass solches jetzt so geglaubt zu werden hat…
Die historische Genese der Grunddogmen wäre zu ihrem Verständnis oft hilfreicher, da ist dir zuzustimmen.
Dass ausschließlich Katholiken ihre Lehren biblisch nicht begründen könnten, kann ich nicht bestätigen. Da ich jahrzehntelang in der protestantischen Welt unterwegs war, kann ich nur bestätigen, dass der Volkskirchencharakter der Evangelischen Landeskirchen und der Katholischen Kirche wohl dazu geführt hat, dass in beiden „Lagern“ die enge Vernetzung von Lehre und Heiliger Schrift - sagen wir - ausbaufähig ist. 😉
Evangelkale und charismatische/ Katholiken, also solche Christen, die es besonders „ernst“ nehmen, kennen sich dagegen oft sehr gut aus…
Du schreibst, es würde den Katholiken durch das viele Lesen im Katechismus die Zeit zum Bibelstudium fehlen. Da kann ich dich beruhigen. Wer die Bibel nicht liest, liest auch nicht den Katechismus. 😊
Der oft zu hörende Vorwurf, Katholiken würden die Bibel nicht gut kennen, ist übrigens falsch. Wer dem Sonntagsgebot nachkommt, erlebt ein überaus reiches Angebot an Lesungen in jeden Messe (AT + Epistel + Psalm + Evangelium). Darüber war ich vor meiner Konversion überhaupt nicht im Bilde.
Darüberhinaus gibt es nicht wenige, die das tägliche Stundengebet mitbeten, das natürlich biblische Texte enthält. Persönlich mache (nicht nur) ich es so, dass ich täglich die Evangelien der katholischen Leseordnung lese, so wird man durch sämtliche Texte der Evangelien geleitet…
LG
Veröffentlicht von: @holger-fDas sehe ich z.T. auch so. Die katholische Lehre hat sich in 2000 Jahren entfaltet, man wird also nicht erwarten können, dass man sie „auf einem Bierdeckel“ schreiben kann.
Zumindest müsste in einem Lehrwerk klar werden, welche Teile entfaltend sind. Natürlich kann man das Problem auch ganz pragmatisch lösen: wenn alles Entfaltungen des ursprünglichen apostolischen Glaubensbekenntnisses sind, müssen alle untergeordneten Paragraphen inhaltlich auf das hinauslaufen, was im apostolischen Glaubensbekenntnis ausgesagt wird. Ich brauche mich mit den Unterpunkten dann nicht weiter zu befassen und kann es als Job der Theologen verstehen, das, was ich glaube, mit dem Glauben der Kirche in Einklang zu bringen. Damit ist das Lehramt aber wahrscheinlich auch nicht zufrieden und möchte schon, dass sich Katholiken auch mit den Unterpunkten befassen, um ihnen zuzustimmen. Wobei man sich fragen muss, ob es notwendig ist, ihnen konkret zuzustimmen, wenn es sich um eine wirkliche Lehrentfaltung dessen handelt, was ich im Glaubensbekenntnis zu glauben aussage.
Veröffentlicht von: @holger-fDas beginnt schon damit, dass bei Nichtkatholiken und Katholiken unklar ist, was ein Dogma genau (nicht) ist und wie es entsteht. So besteht - überspitzt formuliert - z.B. der Eindruck, die beiden letzten Mariendogmen hätten sich findige Kardinäle im Vatikan in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgedacht und dann damit das Glaubensvolk beglückt mit der nachdrücklichen Forderung, dass solches jetzt so geglaubt zu werden hat…
Vor einigen Monaten hatte ich mich zu den Dogmen mit einem Kirchenrechtlicher unterhalten. Er erklärte mir, dass Dogmen Antworten auf geschichtliche Fragen ihrer jeweiligen Zeit sind und manchmal für die heutigen Gläubigen gar nichts mehr sagen (müssen), ja dass es aufgrund der zeitlich und historisch bedingten Formulierungen, die in diesen Formeln stecken, sogar dazu kommen kann, dass die Sätze heute etwas aussagen, was völlig dem widerspricht, was ursprünglich ausgesagt werden sollte.
Wenn also die Aussage getroffen wird, dass Maria frei von der Erbsünde war, ging es gar nicht um die Frage, ob sie frei von Erbsünde wahr, sondern um klar zu machen, dass Jesus nicht der Erbsünde unterliegen kann, weil er sie nicht von Maria "geerbt" haben kann, weil bereits Maria frei von Erbsünde war.
Veröffentlicht von: @holger-fDie historische Genese der Grunddogmen wäre zu ihrem Verständnis oft hilfreicher, da ist dir zuzustimmen.
Was nicht selten bedeuten würde, dass die Leute erstmal Scholastik lernen müssten. Beispiel: Philosophisch kann man erklären, dass die zweite Hypostase in Jesus Christus Mensch wurde, dort die menschliche Natur "angenommen" hat und in der Versöhnung sowohl mit seiner menschlichen als auch göttlichen Natur später in den Himmel gefahren ist, während sich das Haupt des Leibes im Himmel befindet und die zweite Hypostase als Leib in der Form der Kirche/Gemeinde auf Erden gegenwärtig ist, in den Christen durch die Taufe aufgenommen werden. In diesem Leib werden sie nun durch den Heiligen Geist, der dritten Hypostase, geheiligt, weshalb die Kirche klassisch die Sakramente kennt.
Ich würde sagen, das sind durchaus Grunddogmen über Jesus Christus, die Dreifaltigkeit, den Heiligen Geist, die Kirche und die Heiligung.
Aber wie willst Du das normalen Leuten erklären und was machst Du mit Leuten, die in diesen Details manche Punkte anders sehen, es aber aus ihrer Sicht ihre legitime Deutungen der einzelnen Punkte im Glaubensbekenntnis sind? Also was machst Du mit jemandem, der davon ausgeht, dass die Substanz in der Eucharistie nicht gewandelt wird, weil er davon ausgeht, dass die Substanz nicht unabhängig von den Akzidenzien besteht? Kann man sagen: Das ist seine Sache. Aber im nächsten Schritt würde die Person vielleicht auch die Gottheit Jesu leugnen, weil sie in den äußerlichen, zufälligen menschlichen Merkmalen keinen Hinweis auf die Gottheit Jesu hat?
Ich glaube, die theologischen Ausdeutungen sind so abstrakt geworden, dass sie für die meisten Menschen kaum greifbar sind, und Dogmen basieren oft auf diesen Ausdeutungen.
Veröffentlicht von: @holger-fEvangelkale und charismatische/ Katholiken, also solche Christen, die es besonders „ernst“ nehmen, kennen sich dagegen oft sehr gut aus…
Wobei ich mich immer wundere, dass dort ausgerechnet die beiden Sakramente Abendmahl und Taufe ziemlich vernachlässigt werden, aber das ist wahrscheinlich ein anderes Thema.
Veröffentlicht von: @holger-fDu schreibst, es würde den Katholiken durch das viele Lesen im Katechismus die Zeit zum Bibelstudium fehlen. Da kann ich dich beruhigen. Wer die Bibel nicht liest, liest auch nicht den Katechismus.
Die Frage, um die es mir dabei geht:
Wenn ich bereits in einem Buch wie dem Katechismus die Deutung vorliegen habe, welche Notwendigkeit und Motivation wird daraus resultieren, die Bibel noch zu durchdringen? Ich denke, eine Motivation, die Schrift zu lesen und zu durchdringen ist, Antworten auf ganz grundsätzliche Fragen zu finden. Ich überziehe das mal klassisch, mit durchaus einem schmunzelnden Auge: In welcher Konfession Du bist, erkennst Du darin, ob es einen Bibelkreis oder einen Kolpingkreis gibt. Ich glaube, der wichtige Punkt ist nicht so sehr die Frage, ob "Sola Scriptura" als erkenntnistheoretisches Prinzip haltbar ist, sondern dass diese (durchaus nicht historische) Herangehensweise nicht am Ende dazu führt, dass sich Christen evangelischer Konfession deshalb mit der Schrift befassen, weil sie glauben, darin alles finden zu können. Als katholischer Christ müsste man das eigentlich nicht, weil man einfach den Katechismus aufschlagen kann und alles beantwortet hat. Welche Motivation hat man in diesem Moment, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen? Und was machst Du, wenn Du zu einem anderen Ergebnis als das kommt, was im Katechismus steht? Deine Einsichten verwerfen, weil Du am Ende doch das Lehramt hast, dass Dir die Schrift irrtumsfrei auslegt und Dich aus dem Subjektivismus befreit?
Veröffentlicht von: @holger-fDer oft zu hörende Vorwurf, Katholiken würden die Bibel nicht gut kennen, ist übrigens falsch. Wer dem Sonntagsgebot nachkommt, erlebt ein überaus reiches Angebot an Lesungen in jeden Messe (AT + Epistel + Psalm + Evangelium). Darüber war ich vor meiner Konversion überhaupt nicht im Bilde.
Daraus ergibt sich erstmal kein Verständnis. Natürlich ein Nachdenken über eine Passage. Aber das eigentliche Verständnis kommt meiner Meinung nach immer durch den Kontext, also der Text vor und nach dem Vers. Bestes Beispiel: Es wird unter Katholiken und Protestanten diskutiert, ob Maria jungfrei war. Protestantische Christen argumentieren damit, dass von den Brüdern Jesu gesprochen wird. Katholische Christen werden antworten, dass er griechische Begriff für Brüder auch für nahe Verwandte oder Cousins genutzt wird. Die Orthodoxie sieht in diesem Vers unter Berücksichtigung der Apokryphen die Halbbrüder Jesu. Ein katholischer Christ würde argumentieren, dass sich die Interpretation, dass es nicht um leibliche Brüder geht, aus der Jungfrauenschaft von Maria ergibt. Lesen wir aber weiter, wird im Vers auch geschrieben, dass auch Jesu Schwestern bekannt sind. Damit würde die Deutung, dass es um leibliche Brüder geht, erhärten, weil hier die Konstellation von Schwestern und Brüdern angeführt wird. Man könnte zwar trotzdem die Jungfrauengeburt erhalten, aber das Dogma "immerwährender Jungfräuchlichkeit", als auch nach Jesu Geburt, wäre nicht mehr haltbar. Und wenn man sich anschaut, dass das Dogma der immerwährenden Jungfräulichkeit eigentlich nur die Souveränität Gottes aussagen will, kommen wir wieder bei dem Punkt an, dass etwas anderes ausgesagt werden soll als es vielleicht verstanden wird. Kontexte sind also Trumpf, nicht nur isolierte Verse.
Veröffentlicht von: @holger-fDarüberhinaus gibt es nicht wenige, die das tägliche Stundengebet mitbeten, das natürlich biblische Texte enthält. Persönlich mache (nicht nur) ich es so, dass ich täglich die Evangelien der katholischen Leseordnung lese, so wird man durch sämtliche Texte der Evangelien geleitet…
LG
Das besteht aber meines Wissens aus den Psalmen oder?
Veröffentlicht von: @deborah71Was ich als schwerwiegende Änderung empfinde, ist die Verwendung des 'nicht würdig' von einem Adverb (dem Verhalten zugeordnet) zu einem Adjektiv (unwürdige Person) im Bekennen vor der Eucharistie "HERR, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund". Ist der kath Christ nicht würdig gemacht durch die Taufe und den Blutbund in Brot und Wein oder verstehe ich das falsch?
@kerygma Das Problem ist, die Bibel sagt, man soll nichts hinzufügen zu der Bibel. Und das tun die Katholiken.
Bist du selbst katholisch?
@joranbeyer Nein, ich war früher katholisch, für mich stand, unabhängig von durchaus stimmigen theologischen Ansätzen, die Praxis gegen das, was ich in der Bibel gesehen habe. Ich kann zwar theologisch die Mariendogmen nachvollziehen, wenn ich aber 100 Leute auf einer Marienwallfahrt sehe, die Maria als Himmelskönigin um Schutz anflehen, empfinde ich da eine Unstimmigkeit. Die Kirche hat zwar immer versucht, Entwicklungen unter den Gläubigen zu ordnen und theologisch einzuordnen, und sich dadurch in ihrer eigenen Form zu erhalten, aber eben trotzdem diese Fehlentwicklungen zugelassen.
Das ist ein bisschen problematisch, wenn du eine Praxis erlebst, die Dich an eine Götzenanbetung erinnert und die Antwort darauf ist: "Wir haben das kirchlich so definiert, dass es keine ist, also alles easy". Das ist jetzt überspitzt.
Ich bin ein bisschen zwischen den Konfessionen, d.h. ich sehe Kirche in ihrer vor allem historischen Entwicklung und erkläre auch so ein gesundes Christentum im Einklang mit der Tradition, sehe aber gleichzeitig spätere Entwicklungen über die ursprüngliche Tradition hinausgehend, die ich ablehne. Deswegen argumentiere ich einerseits für Tradition, während ich sie andererseits nicht als Letzterkenntnis einstufe. Ich stehe daher wohl eher dem Luthertum nahe, wenn man das so sagen will, versuche aber dennoch alles in einem Gesamtkirchlichen Kontext zu sehen.
Ich verstehe was du meinst, es ist anders als im klassischen Protestantismus. Ich tat mir anfangs schwer.
Die Praxis auch sich im Himmel befindende Personen zu verehren oder anzurufen gab es verstärkt oder ab dem Märtyrertod von dem Polykarp von Smyrna. Das ist Mitte des zweiten Jahrhunderts der Fall. (Ich glaube fast, das weißt du denn du bist sehr gut informiert)
Immerhin sagte auch Maria im Heiligen Geist "Mich werden Selig Preisen alle Geschlechter" - Preisen ist an sich eine Sache die grundsätzlich schon Gott gegenüber in Gottesdiensten oder Messen vorkommt. Tatsächlich gibt's nur bei Traditionellen Kirchen diese Praxis- denke ich - bin mir aber nicht sicher.
In dem Beispiel geht es zwar explizit um die Maria, aber es zeigt das schon mehr dahinter sein kann als Menschen die bei Gott sind, völlig zu ignorieren. Die Grundlage ist das auch wenn Menschen nicht mehr hier sind, sie in Gott lebendig sind.
Wenn nun bei einer Person das i.o. ist warum sollte es die Kirche bei ähnlichen Fällen verbieten. Wenn ein Mensch das macht, warum sollte es nicht eine Gruppe machen dürfen?
Sicherlich besteht theoretisch die Gefahr, Maria mehr als Gott zu verehren. Oder Engel mehr als Gott
Aber mal ganz praktisch - es besteht für den durchschnittlichen Deutschen auch immer die Gefahr sein Haus, sein Leben, seine Frau, seine Kinder, das Sexuelleben oder mittlerweile auch sein 400 PS Auto mehr zu lieben, als den Schöpfer.
Wäre es deshalb richtig, es perse zu verbieten? Wie will man da pauschal Grenzen ziehen? Das geht nur im Einzelfall der Seelsorge.
Viele Grüße Etienne
@kappa ich meine ja eben, dass das nicht nur eine theoretische Frage ist, sondern die Marienverehrung in der katholischen Kirche eben ganz praktisch diese Verschiebung durchlebt hat. Besonders im katholischen Traditionalismus kommt man sich bisweilen wie in einer „Marienreligion“ vor. Beim Rosenkranz betet man über 50mal das Ave Maria, das Vater Unser nur 6mal, die Lauretanische Litanei, die manche im Anschluss beten, hat auch nochmal 52 Marienanrufungen, an den dreifaltigen Gott nur 3, dazu die Wallfahrten, Erscheinungen von Maria, Schutzanflehungen.
Das soll jeder halten wie er es persönlich für richtig hält, aber die Marianische Seite in der katholischen Kirche hat schon ein Gewicht, das Christus verdunkeln könnte (traditionelle Kreisen würden jetzt sagen, dass Maria zu Jesus hinführt, naja…).
@holger-f Dann haben wir übereinstimmende Konzepte. Mit der kritisierten Fehlentwicklung hat das aber wenig zu tun, außer dass man weitere Feigenblätter erschafft. Genauso könnten wir Morgen alle das muslimische Glaubensbekenntnis beten und es mit einem lehramtlichen Text, dass auch darin die Offenbarung des Einen Gottes zu sehen ist, rechtfertigen. Trotzdem würden wir intuitiv merken, dass wir im Irrtum beten. Genauso ist es mit Maria. Du kannst es sicher theoretisch absegnen, wenn Christen 150 mal Maria am Tag anrufen, aber das Vater Unser nur zweimal, trotzdem würden wohl die meisten Christen merken, dass hierin ein Ungleichgewicht besteht.
Veröffentlicht von: @kerygmaIch bin ein bisschen zwischen den Konfessionen, d.h. ich sehe Kirche in ihrer vor allem historischen Entwicklung und erkläre auch so ein gesundes Christentum im Einklang mit der Tradition, sehe aber gleichzeitig spätere Entwicklungen über die ursprüngliche Tradition hinausgehend, die ich ablehne. Deswegen argumentiere ich einerseits für Tradition, während ich sie andererseits nicht als Letzterkenntnis einstufe. Ich stehe daher wohl eher dem Luthertum nahe, wenn man das so sagen will, versuche aber dennoch alles in einem Gesamtkirchlichen Kontext zu sehen.
Hm. Ich kann mit Traditionen recht wenig anfangen.
Am Ende zählt doch der persönliche Glaube und nicht die Tradition oder die Liturgie oder die Zugehörigkeit zu einer Konfession.
@chai Das muss man selbst entscheiden. Ich muss manchmal an 2. Petrus 3,16 denken:
"Davon redet er in allen Briefen, in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen werden, wie auch die andern Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis."
@chai nunja. Kirche bedeutet im ursprünglichen Sinn - sowas wie Gemeinschaft. Es wird im neuen Testament permanent davor gewarnt, sich von der gemäß dem Verständnis der Apostel richtigen oder originären Gruppe, sich abzuspalten. Persönlicher subjektiver Glaube ist nicht alles.
Dann nur sein eigenes Süppchen zu kochen halte ich für gefährlich und auch schwierig. Ich selbst habe das neue Testament früher dutzende Male gelesen. Es ist keineswegs so selbsterklärend wie gern gesagt wird.
Veröffentlicht von: @kerygma@joranbeyer Nein, ich war früher katholisch, für mich stand, unabhängig von durchaus stimmigen theologischen Ansätzen, die Praxis gegen das, was ich in der Bibel gesehen habe.
Durchaus stimmige theologische Ansätze – klingt schon viel.
Und die von dir wahrgenommene Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis hat dich dann abgeschreckt?
Veröffentlicht von: @eowenVeröffentlicht von: @kerygma@joranbeyer Nein, ich war früher katholisch, für mich stand, unabhängig von durchaus stimmigen theologischen Ansätzen, die Praxis gegen das, was ich in der Bibel gesehen habe.
Durchaus stimmige theologische Ansätze – klingt schon viel.
Und die von dir wahrgenommene Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis hat dich dann abgeschreckt?
Die Diskrepanz, die eben für mich nicht mehr Christus im Zentrum hat. Siehe die marianische Seite der Kirche, die ausgeprägte Marienfrömmigkeit. Für viele Katholiken ist genau das, was die katholische Kirche ausmacht. Das werden Dir viele Katholiken im Blick auf das Rosenkranz Gebet erzählen, dass es vom Kern her das ist, was ganz genuin dem katholischen Glauben charakteristisch ist. Aber das bedeutet eben auf der anderen Seite, dass der marianische Fokus eben die Kirche ausmacht. Man assoziiert die Kirche (zurecht) nicht sofort mit besonders authentischer Lehre über Jesus, sondern vor allem mit der Marienverehrung.
Ich glaube, wenn Du die Leute nach Freikirchen fragst, werden sie sagen "irgendwas mit Jesus", wenn Du sie nach der katholischen Kirche fragst, werden sie "das sind die mit Maria" sagen.
Theologisch auch kein Thema: die Kirche wird sagen, dass Maria zu Jesus hinführt, weil Jesus am Kreuz als letzte Botschaft an seinen Jünger Johannes hatte: "hier Deine Mutter".
Das ist auch kein Gehemeinis:
"Spätestens im 19. Jahrhundert verselbstständigte sich das Bild der Mutter Jesu in der katholischen Kirche. Für manche überdeckte die Verehrung Marias sogar die von Christus selbst."
https://www.domradio.de/glossar/ein-abc-der-marienverehrung
Davon unabhängig teile ich mit der katholischen Kirche nicht das Modell der Rechtfertigung und die Idee, dass sich kein Christ seines Heils gewiss sein kann und deshalb in ständiger Heilsungewissheit lebt, dass er nicht genügend in der Gnade oder überhaupt im Stand der Gnade steht.
Veröffentlicht von: @chaiVeröffentlicht von: @kerygmaIch glaube, wenn Du die Leute nach Freikirchen fragst, werden sie sagen "irgendwas mit Jesus",
wenn Du sie nach der katholischen Kirche fragst, werden sie "das sind die mit Maria" sagen.Könnte hinkommen.
Nicht, wenn du mich fragst.
Nicht, wenn du viele Leute fragst, die ich kenne.
Zu pauschal.
Veröffentlicht von: @eowenVeröffentlicht von: @chaiVeröffentlicht von: @kerygmaIch glaube, wenn Du die Leute nach Freikirchen fragst, werden sie sagen "irgendwas mit Jesus",
wenn Du sie nach der katholischen Kirche fragst, werden sie "das sind die mit Maria" sagen.Könnte hinkommen.
Nicht, wenn du mich fragst.
Nicht, wenn du viele Leute fragst, die ich kenne.
Zu pauschal.
Die meisten Leute würden heute vermutlich auch eher "Missbrauchsskandal" sagen - meine ich jetzt nicht polemisch.
Natürlich war das etwas arg vereinfacht, aber die ausgeprägte Marienfrömmigkeit ist schon charakteristisch für die katholische Kirche. Maria gilt auch als Urbild der Kirche und neben dem petrinischen Prinzip betont man das marianische.
Solche Bilder sind natürlich immer etwas undifferenziert.
@kerygma Natürlich sind so Aussagen immer pauschal.
Aber für eine erste Einsortierung sieht man bei den Katholiken die Maria, bei den Pfingstlern den Heiligen Geist, (wenn man sich ein kleines bisschen mehr mit der Sache beschäftigt hat) bei den Charismatikern das Reden in Zungen und dann endet das irgendwie.
Was es bei den Methodisten gibt, weiß wohl kaum jemand.
@kerygma aber z.T. auch erst durch die Abgrenzung der Protestanten. Quasi als Betonung der Unterschiede.
Ansich steht die Kirche für Bibel, Abendmahl, Gott, etc. genauso - nur wenn du halt Leute heute fragst, beschreiben sie eben den Unterschied zu anderen Konfessionen. (Auch @Chai)
Und beim Thema Missbrauch beschreiben Menschen ihre Enttäuschung, die wahrgenommene Scheinheiligkeit, die Diskrepanz zwischen Lehre und Praxis, vielleicht auch eigene Verwundungen. Und das ist sehr verständlich und geht tief.
Verstehe deine Gedanken, aber hier würde ich unterscheiden, zwischen dem was eine Konfession ausmacht und dem was als erstes ins Auge springt, weil es vielleicht im Vergleich mit anderen ungewöhnlich ist.
Oder um es kompliziert zu sagen: konfessionelle Abgrenzungsidentiät vs. theologisches Selbstverständnis.
@eowen ich kenne den Rosenkranz auch von Katholiken als etwas, das sie besonders katholisch finden und das die katholische Praxis ausmacht.
@kerygma genauso macht es die katholische Praxis aus, das Abendmahl bzw. die Eucharistie zu feiern, Anbetung, einmal im Jahr das ganze Evangelium zu hören, Lob und Dank, Umkehr, Caritas, ... nur weil der Artikel sich einen Aspekt rausgreift und den beleuchtet, heißt das nicht, dass das alles ist.
Trotzdem kann es natürlich sein, dass man irgendwo eine Überdosis dieser Art von Frömmigkeit bekommen hat (wozu es nicht wenig Gelegenheit gibt) und dann am Gesamtbild zweifelt. Das verstehe ich.
Mir geht es nicht um eine bestimmte Position, aber wenn man etwas abwägt, hilft es nur, wenn man beide Seiten ausgewogen darstellt. Deshalb lege ich diese Gedanken als Puzzleteile noch dazu.
@eowen Ja, es gibt auch noch eine christliche Seite in der katholischen Kirche, das wollte ich gar nicht bestreiten. Da muss jeder selbst entscheiden, ob er dafür bereit ist den Rest mitzutragen. Das ist ja immer so.
Für mich war ja auch eher der Knackpunkt, dass ich eben nicht glaube, dass man sich das Heil verdienen kann, weshalb es bei mir zum Bruch kam. Religionen, mit denen man sich durch Tätigkeiten das Heil miterwirbt, gibt es aus meiner Sicht zuhauf, dafür hätte Jesus nicht am Kreuz sterben müssen.
Zumal gerade das Konzept des Fegefeuers eigentlich die Lücke schließt zwischen der Frage, wie sich der reine Himmel und der Zustand des Menschen zu seinem Todeszeitpunkt zusammenfügt. Gerade daher macht für mich die Heilsungewissheit im Katholizismus noch weniger Sinn - eigentlich müssten Katholiken die Christen mit der größten Heilsgewissheit sein...
@eowen Theoretisch lehrt sie, dass ich man sich sein Heil nicht verdienen kann, praktisch muss man aber daran mitarbeiten:
Worauf läuft es denn hinaus, wenn ich mir meines Heils nicht sicher sein kann und gleichzeitig an der Gnade mitarbeiten, sie durch gute Werke etc. vermehren muss?
Da die Bibel kein Inhaltsverzeichnis hat ist das eigentlich nicht möglich.
Veröffentlicht von: @joranbeyerDas Problem ist, die Bibel sagt, man soll nichts hinzufügen zu der Bibel. Und das tun die Katholiken.
Bist du selbst katholisch?
Das sagt „die Bibel“ gar nicht. Wie sollte das auch „technisch“ gehen?
Einzelne Schriften können sich mit der Warnung vor dem „Hinzufügen“ nicht auf die kanonisierte Heilige Schrift bezogen haben, da die erst in einem langen, ca. 350 Jahre dauernden Prozess entstanden ist.
In diesen drei Jahrhunderten waren viele Schriften, die dann später nicht kanonisiert wurden, beliebt und im gottesdienstlichen Gebrauch, z.B. die Didache, der Hirte des Hermas, der erste Clemensbrief, die Briefe des Ignatius von Antiochien, der Barnabasbrief und die Polykarp-Briefe.
Wie hätten also in diesen drei Jahrhunderten Christen entscheiden sollen, was wozu „hinzugefügt“ wäre oder nicht hätte hinzugefügt werden dürfen?
Die Warnung vor dem „Hinzufügen“ findet sich zudem schon im Alten Testament (5. Mose 4,2, 5. Mose 13,1, Sprüche 30,5–6). Mit der Logik einiger evangelikaler Christen wären schon die neutestamentlichen Schriften und deren Inhalte strikt abzulehnen, da sie den alttestamentlichen „hinzugefügt“ wurden…
Es bleibt die Stelle in Offenbarung 22,18-19. Die bezieht sich aber offenkundig direkt auf das Buch der Offenbarung selbst. Den „Worten der Weissagung dieses Buches“ soll nichts „hinzugefügt“ werden.
Wer diese „Warnung-vor-Hinzfügungs-Verse“ gegen die christliche Tradition der (Orthodoxen, Katholischen, Lutherischen) Kirchen in Stellung bringen möchte, begibt sich auf ganz dünnes exegetischen Eis und fügt - ja, so ironisch kann Geschichte sein - diesen Versen eine Bedeutung hinzu, die sie schlicht nicht haben…