Bundeswehr-Lotterie
 
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Bundeswehr-Lotterie

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MikeFromMUC
Themenstarter
Beiträge : 962

Hallo Jungs,

es geht gerade durch die Medien: Die Bundeswehr braucht mehr Soldaten. Alle Männer sollen verpflichtend einen Fragebogen zum 18.Geburtstag bekommen, um ihre Bereitschaft abzufragen. Falls sich nicht genügend Freiwillige finden, war vorgesehen, per Los zu entscheiden.

Ist das gerecht, wenn das Los entscheidet? Speziell aus Männer-Sicht: Kann man in der heutigen Zeit noch vermitteln, daß Frauen nicht verpflichtet werden? Ist eine allgemeine Dienstpflicht gerechter? Ist Wehrdienst/Zivildienst eine Art Initiationsritus vom Knaben zum Mann?

Welche Alternative gäbe es?

Schönen Gruß!

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143 Antworten
der_alte
Beiträge : 1854

@mikefrommuc nix neues, gab es bspw. in Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg: https://www.spiegel.de/geschichte/vietnam-war-lottery-per-los-einberufen-zum-vietnamkrieg-a-1109193.html

In DE gab es das auch, ab 1874 im Zweiten Deutschen Reich, später auch in der Bundesrepublik Deutschland: https://de.wikipedia.org/wiki/Wehrgerechtigkeit

Ich bin da raus, viel zu alt und inzwischen T5... 😎 

Sonst hättest Soldatenbraut werden können, nicht wahr @ga2 😍 😍 😍 😍 😍 

der_alte antworten


Tojak
 Tojak
Beiträge : 658

@mikefrommuc 

Weil Putin demonstriert, dass in Europa wieder Angriffskriege als Mittel der Politik geführt werden können, und Deutschland nicht ausreichend verteidigungsfähig ist, muss die Bundeswehr wieder personell und materiell aufgestockt werden. Es ist hier jahrelang gespart bzw. die Friedensdividende eingestrichen worden, was jetzt nicht mehr geht. Hinzu kommt, dass wir uns auf die USA als Verbündeten im Rahmen der NATO nicht mehr verlassen können.

Die Wehrpflicht ist nicht abgeschafft worden, sie war nur ausgesetzt. Zunächst wird jetzt auf Freiwilligkeit gesetzt, wobei man ahnt, dass das nicht reichen wird. Alle kann man schon aus Kapazitätsgründen (Kasernen, Waffen, Ausbilder) nicht einziehen. Wenn eine Auswahl getroffen werden muss, ist das immer in gewisser Weise ungerecht. Ein Losverfahren ist eine probate Möglichkeit, diese Ungerechtigkeit zumindest halbwegs gerecht zu gestalten.

Frauen können freiwillig zur Armee gehen, sind also nicht benachteiligt. Männer, die sich beschweren, sollten im Gedächtnis behalten, dass Frauen auf der anderen Seiten benachteiligt sind durch das Kinderkriegen. 100 Prozent Gerechtigkeit lassen sich hier nicht herstellen.

Eine allgemeine Dienstpflicht kann man durchaus befürworten. Durch eine solche Erweiterung des Themas zieht man aber die Diskussion in die Länge, und dafür ist jetzt keine Zeit. Die Verstärkung der Bundeswehr muss relativ schnell passieren, über den Daumen haben wir wohl fünf Jahre dafür.

Wehrdienst/Zivildienst ist kein Initiationsritus vom Knaben zum Mann? Wie kommst du denn auf die Idee? Wären die ungedienten Männer demnach keine Männer?

Alternativen zum Losverfahren? Man könnte sich geeignete Kriterien ausdenken, z. B. messbare körperliche Kriterien (Körpergröße, Sehschärfe, Testosteronspiegel etc), IQ, Qualifikation, Beschäftigungsstatus (arbeitssuchend, Teilzeit, Vollzeit, selbstständig), Familienstand, Spezialkenntnisse (Sprachen, Kampfsport, Technik) usw. usw.. Das dauert lange und zieht evtl. eine Prozesslawine nach sich. Man könnte den Leuten Geld oder geldwerte Vorteile anbieten. Das wäre wohl zu teuer. Man könnte die Leute, die man wirklich haben will, gezielt zu überreden versuchen. Dann bekommt man vorwiegend die Dümmeren und Wankelmütigeren.

Richtig gut ist das auch alles nicht.

Die ganze große Alternative ist natürlich, es einfach darauf ankommen zu lassen und sich gegebenenfalls von einer feindlichen Macht besetzen zu lassen. Diese Art von Pazifismus wäre sogar christlich. Sie würde das Problem aber auch nur hinauszögern, wenn die Besatzer anschließend die Wehrpflicht auf ihre Art einführten.

 

tojak antworten
3 Antworten
MikeFromMUC
(@mikefrommuc)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 962

@tojak 

Wehrdienst/Zivildienst ist kein Initiationsritus vom Knaben zum Mann? Wie kommst du denn auf die Idee? 

Ist da das k zuviel bei "kein Initiationsritus"?

Natürlich ist der Wehrdienst ein Initiationsritus. Er markiert den Übergang vom Schüler, der bei seinen Eltern wohnt, zum Mann, der für sich und sein Land Verantwortung übernimmt. Das ist natürlich nicht der vorrangige Zweck des Wehrdienstes. Aber doch unbestreitbar, daß ein Soldat in Uniform von der Gesellschaft anders wahrgenommen wird als ein Schüler im Klassenzimmer.

Wären die ungedienten Männer demnach keine Männer?

Es gibt viele Möglichkeiten, vom Knaben zum Mann zu werden. Welche fallen Dir denn so ein? (Damit wären wir auch gut beim Thema "Mann-Sein" des Forums.) 

mikefrommuc antworten
Tojak
 Tojak
(@tojak)
Beigetreten : Vor 14 Jahren

Beiträge : 658
Veröffentlicht von: @mikefrommuc

@tojak 

Aber doch unbestreitbar, daß ein Soldat in Uniform von der Gesellschaft anders wahrgenommen wird als ein Schüler im Klassenzimmer.

Dabei muss ich an eine alte Flens-Werbung denken. 🙂 

https://www.youtube.com/watch?v=rVdpkj1F0LY

tojak antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 4219

@tojak Alternativen zum Losverfahren? Man könnte sich geeignete Kriterien ausdenken, z. B. messbare körperliche Kriterien (Körpergröße, Sehschärfe, Testosteronspiegel etc), IQ, Qualifikation, Beschäftigungsstatus (arbeitssuchend, Teilzeit, Vollzeit, selbstständig), Familienstand, Spezialkenntnisse (Sprachen, Kampfsport, Technik) usw. usw.. Das dauert lange und zieht evtl. eine Prozesslawine nach sich. Man könnte den Leuten Geld oder geldwerte Vorteile anbieten. Das wäre wohl zu teuer. Man könnte die Leute, die man wirklich haben will, gezielt zu überreden versuchen. Dann bekommt man vorwiegend die Dümmeren und Wankelmütigeren.

Tendenziell wird doch erwartet, dass es in Zukunft weniger Jobs gibt. Das bedeutet, dass die Tätigkeit bei der Bundeswehr eine gute Perspektive mit einem sicheren Job sein könnte.

Dann hat sich der Krieg total verändert. Es ist das ein Drohnenkrieg, bei dem die Drohnenpiloten in irgendwelchen Bunkern oder Verstecken setzen und von da aus quasi den ganzen Tag reale Videospiele spielen. Die Gamer dürften begeistert sein! Die Ukraine hält so lange Frontabschnitte mit relativ wenig Personal.

goodfruit antworten
Stern
 Stern
Beiträge : 3369

@mikefrommuc 

Welche Alternative gäbe es?

Immer wieder frage ich mich, ob wir denn als Land überhaupt Soldaten brauchen, ganz allgemein gesehen. Egal ob weibliche oder männliche Soldaten.

Du hast deine Frage unter der Rubrik „Mann-Sein“ gestellt. Unter diesem Aspekt sage ich:

Wehrhaftigkeit ist im Moment Thema, deswegen : jeder der gerne das Land verteidigen möchte soll das machen, geschlechtsunabhängig. Also sollen alle diesen Brief bekommen. Eltern, deren Kinder dann diesen Wunsch haben, müssen wohl oder übel damit leben.

Aber unter einer anderen Rubrik hätte das auch stehen können, zB authentisch Christsein, oder auch anndere…

Was wäre denn, wenn wir als Land gar keine Armee aufstellen würden? Ist das denkbar?

“Dein Reich komme…“ -da gibt es keinen Krieg, keinen Angriff mehr, da sind Soldaten doch gar nicht notwendig, oder? Ist es denkbar, jetzt schon?

Das Abwehrsystem unseres Körpers funktioniert aber auf diese Weise: Feind erkennen und zerstören, auch unter eigenen Verlusten.

Der wurde doch von Gott erschaffen. Heisst das, dass wir als Land auch zwangsläufig so operieren müssen?

 

stern antworten


DerElch
Beiträge : 2140

@mikefrommuc 

Die Bundeswehr braucht mehr Soldaten.

Das halte ich ehrlich gesagt für ein Märchen. Der einzige Grund ist, dass unser Kanzler dem Potus versprochen hat mehr Geld auf dem Kopf zu hauen.

Ist das gerecht, wenn das Los entscheidet?

Nein. Hatten wir schon. Die Wehrpflicht ist wegen mangelnder Wehrgerechtigkeit ausgesetzt worden. Dann kann man den gleichen Quatsch nicht wieder machen.

Speziell aus Männer-Sicht: Kann man in der heutigen Zeit noch vermitteln, daß Frauen nicht verpflichtet werden?

Ja klar.

Ist eine allgemeine Dienstpflicht gerechter? 

Nein. Es sind die Männer die auf Krieg abfahren. Ihr Ding.

Ist Wehrdienst/Zivildienst eine Art Initiationsritus vom Knaben zum Mann?

Nein.

Welche Alternative gäbe es?

Es so lassen wie es ist. Oder Milizarmee oder Wehrpflicht für alle Männer mit Wahlfreiheit ohne Gewissensprüfung.

derelch antworten
6 Antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6402

@derelch 

Also ich glaube, das Lied der Unterbesetzung in der deutschen Armee wird schon etwas länger gesungen als der Orangenmann da ist. Dass der Bund nicht beliebt ist, hängt wohl aber sehr mit dessen Ruf zusammen. 

arcangel antworten
DerElch
(@derelch)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 2140

@arcangel 

Also ich glaube, das Lied der Unterbesetzung in der deutschen Armee wird schon etwas länger gesungen als der Orangenmann da ist.

Bisher war immer von Materialmangel die Rede. Allerdings hat die Bundeswehr hauptsächlich ein Organisationsmangel. Wer mit 50 Milliarden Euro pro Jahr keine funktionierende Armee zustande bringt, kann es auch mit 200 Milliarden pro Jahr nicht. Damit kann man nur die Unfähigkeit besser verstecken. 

Das war bisher egal, denn bisher hatte niemand dem amerikanischen Idioten versprochen der Bevölkerung 5% des BIP zu stehlen und es fürs Militär auszugeben. Was ja fast nur geht, indem man das Personal sinnlos aufbläht. Mit Waffenkäufen schafft man das garnicht. 

derelch antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1648

@derelch lieber Elch ich glaube das erste Mal sind wir quasi auf einer Linie.

Du hast absolut Recht.

kappa antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6402

@derelch 

Der Orangenmann, singt ja auch nur das gleiche Lied, das alle Präsidenten vor im gesungen haben, kauft mehr Waffen von UNS, und das ist das, was er will, darum passt ihm die europäische Initiative, der Eigenproduktion so gar nicht. Europäer hatten damals halt auf De Gaulle hören sollen. Aber es war halt billiger und bequemer, sich in die Abhängigkeit der USA zu begeben. 

arcangel antworten
DerElch
(@derelch)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 2140

@arcangel 

Der Orangenmann, singt ja auch nur das gleiche Lied, das alle Präsidenten vor im gesungen haben,

2% des BIP fürs Militär zu ver(sch)wenden gibt es erst seit 2014. Das war unter Obama = 1 Präsident vor Trump. UNd ja die haben beide schon gedrängt, die Ausgaben zu erhöhen, obwohl die 2% das Ziel für 2024 war.

Europäer hatten damals halt auf De Gaulle hören sollen. Aber es war halt billiger und bequemer, sich in die Abhängigkeit der USA zu begeben. 

Deutschland ist von den USA wesentlich weniger abhängig, als die Schweiz es sein wird. Dass die USA kein verlässlicher Partner ist, merkt die Schweiz ja gerade recht bitter. Ich befürchte nur, das keine ausreichende Signalwirkung in den restlichen Natostaaten erzeugt.

 
 
 

 

derelch antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6402

@derelch 

Das Lied zu Erhöhung zur Militärausgabe hat bereits JFK gesungen. Dabei ging es den Amerikanern nicht darum, Europa wehrfähiger zu machen, das Ziel der Amerikaner war immer, die Europäer operativ unfähig zu halten, um so die operative Initiative alleine bei den USA zu (be)halten. Die Europäer sollten einfach fleissig amerikanische Waffen kaufen. Und ja, die Schweiz hat dies nicht besser gemacht. 

Die Schweiz ist nicht nur von der USA, sondern auch von Europa abhängig und dass beides keine verlässlichen Partner sind, die Interessenpolitik vor alles andere stellen ist uns in den letzten Jahren deutlich vor Augen geführt worden. Der einzige Unterschied ist das die Amerikaner, besser sind in diesem Spiel und am längeren Hebel sitzen. 

arcangel antworten
Arcangel
Beiträge : 6402

@mikefrommuc 

Als jemand der Wehrpflicht geleistet hat, habe ich kein Problem damit, dass diese in Deutschland eingeführt wird. Eine gesteigerte Investition in den militärischen Komplex hat Synergie- und Impulseffekte auf die zivil Industrie. 

 

arcangel antworten
3 Antworten
MikeFromMUC
(@mikefrommuc)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 962

@arcangel 

Wie kann die Wehrpflicht gerecht gestaltet werden? Doch nicht mit einer Lotterie. Alle - geht nicht, sind zu viele. Keiner - geht nicht, dann sind wir wehrlos. Freiwillig - hat bisher nicht geklappt. Lose ziehen - ist ungerecht. Nur die Hälfte, nämlich die Männer - ist heutzutage den Männern immer schwerer als gerecht zu vermitteln. 
Wie siehst Du das?

mikefrommuc antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1648

@mikefrommuc 

Wer sagt das wir Wehrlos sind mit Berufsarmee? 

Ist die USA Wehrlos?

Das stimmt einfach nicht.

Man soll den Hintern hoch bekommen und Innovation haben! In einen fahrenden Metallsarg 5 Leute als fahrendes Ziel reinzusetzen, das kann sich Deutschland sicher nicht leisten!

kappa antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6402

@mikefrommuc 

Schwarz Weis, es gibt diverse Modelle wie Wehrpflicht, mit oder ohne Los ausgestellten werden könnte, man kann sich bei der Ausarbeitung des Gesetzes ja mal andere Modelle anschauen. 

Aber gleich von Beginn weg zu nein zu schreien. Ein einig Volk von Verhinderern. 

arcangel antworten


Jack-Black
Beiträge : 6216

@mikefrommuc

Ist das gerecht, wenn das Los entscheidet?

Ja.

Speziell aus Männer-Sicht: Kann man in der heutigen Zeit noch vermitteln, daß Frauen nicht verpflichtet werden?

Ja. So, wie man vermitteln kann, dass auch Männer nicht verpflichtet werden. Wenn allerdings Dienst-Pflicht (aus Gründen, die mir nicht vollständig einleuchten), dann unabhängig vom Geschlecht.

Ist eine allgemeine Dienstpflicht gerechter?

Gerechter als was? Gerechter als vom Geschlecht abhängig? Auf jeden Fall. Das Baby-Pausen-Argument hat mich damals nicht überzeugt und überzeugt mich heute nicht. Wenn Frauen sich dazu entscheiden, Kinder zu kriegen, dann ist das ihre Privatentscheidung. Sie tun das nicht, um mir meine Rente zu sichern, also aus irgendwelchen Pflicht-Erwägungen.

 

Ist Wehrdienst/Zivildienst eine Art Initiationsritus vom Knaben zum Mann?

Nein, ein Ritus, der sich über mehrere Monate hinzieht, ergibt für mich rein sprachlich keinen Sinn.

Wobei ich mir über die generelle Sinnhaftigkeit von Initiationsriten bislang noch nicht genügend Gedanken gemacht habe, um dazu eine feste Meinung zu haben. Die zwei "Initiationsriten", die ich durchmachte, waren meine Konfirmation und dann die Abiturfeier. Die Konfirmation war für mich so sinnstiftend wie ein zusätzlicher Geburtstag, auf den man sich mit dem Auswendiglernen irgendwelcher Texte vorzubereiten hat, bei dem dann aber die erwartbaren Geschenke großzügiger ausfallen (auch wenn am Ende meine persönlichen Erwartungen sich nicht mal zur Hälfte erfüllten... 😀 ). Bei der Abiturübergabefeier war ich von da an offiziell hochschulreif. Aber so vom Selbstbild her, was die "Reife" anging, änderte sich da nicht viel.

Vom "Knaben zum Mann" wurde ich, so gefühlt jedenfalls, nach dem ersten echten Sex. Danach war die Welt irgendwie anders. Aber besonders rituell war dieser Übergang eigentlich nicht. 😀

Vermutlich wäre die Welt für mich auch dann nochmal anders gewesen, wenn ich einem Initiationsritus unterworfen worden wäre, bei dem ich jemanden (einen so definierten Feind meiner Gruppe) hätte töten müssen. Sowas meinten vermutlich diejenigen, die in früheren Zeiten davon redeten, dass die Armee aus einem Kind erst einen "echten" Mann mache: eine existentielle, gravierende, ethisch relevante und nicht zurückzunehmende Entscheidung.

Ich bin sehr froh, nicht in meinen Teenager-Zeiten, in denen ich vielleicht noch manipulierbarer war als heute, zu solch einer Entscheidung gezwungen worden zu sein, denn das, was da dann andere unter "echter Mann" verstehen, würde ich als Verlust der Menschlichkeit bezeichnen. Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ausserhalb einer individuellen, nicht eigen-verschuldeten Selbstverteidigungssituation, gibt damit seine Menschlichkeit (im idealen Sinne. Im nicht praktischen Sinn haben seit Anbeginn der Menschheit immer wieder Menschen andere Menschen ermordet, Morden ist in diesem Sinne also, um Nietzsche zu paraphrasieren, allzu-menschlich) preis. Soldaten sind entweder potentielle oder aktuelle Mörder, an dieser Betrachtungsweise hat sich für mich seit dem Zeitpunkt, als ich vor knappen vierzig Jahren meine Kriegsdienstverweigerung schrieb, nichts geändert.

Welche Alternative gäbe es?

Ganz einfach. Andere Menschen nicht töten. Nicht aus eigenem Antrieb - und erst recht nicht (!) auf Befehl und also aus Kadavergehorsam. Soldaten deligieren in meinen Augen nicht ihre persönliche Verantwortung "nach oben" weil sowas nicht deligiert werden kann. Sich dazu bereit zu erklären, auf Befehl zu töten, ist in meinen Augen schon Verantwortungslosigkeit - unvereinbar eigentlich mit einer Menschenwürde, welche doch angeblich unveräußerlich, also nicht abtretbar sein soll.

Dass nun in Deutschland wieder schamlos von "Kriegstüchtigkeit" bramarbasiert wird, dass wieder Unsummen für Tötungsequipment rausgeschmissen, die Kosten dafür kommenden Generationen aufgehalst, die Gewinne dagegen an die Rüstungsaktien-Inhaber ausgeschüttet werden, ist für mich eine nationale Schande, die nicht weniger schändlich ausfällt, nur weil so ziemlich alle anderen Nationen sich ähnlich verhalten.

Was allerdings die Alternative zur allgemeinen, d.h. zivilen Dienstpflicht angeht, da bin ich mir keineswegs hundertprozentig sicher.

Ich halte es grundsätzlich für keine schlechte, weil der Gruppensolidarität zuträgliche Idee, alle Mitglieder eines Volkskollektivs für einen Teil ihrer Lebenszeit in so einem Dienst zu verpflichten. Ich kenne viele Einwände dagegen, sowohl die organisatorischen wie auch die grundsätzlich ethischen Einwände. Aber vielleicht auch, weil ich meinen eigenen Zivildienst so durchweg positiv erlebte - als einen Dienst, während dessen zwanzig Monaten ich tatsächlich mehr "Reife" im lebenspraktischen Sinne erlangte als in den vorherigen dreizehn Schuljahren zusammen - überwiegen für mich die Pro-Argumente. Es gibt soviele Möglichkeiten, unserem Staatsvolk zu dienen in Arbeitsbereichen, in denen die ökonomischen Realitäten verhindern, dass die Arbeit erledigt wird... Ich habe sehr großen Respekt vor Leuten, die solche Arbeit ehrenamtlich verrichten, allen voran die Leute von der Freiwilligen Feuerwehr, dem THW, Naturschutzvereinen, Mitarbeitern bei den Tafeln und so weiter und so fort. In der Pflege von Kranken und Alten würden, so nehme ich an, Zivildienstleistende heutzutage nicht mehr dazu taugen, die Lohnentgelte der dort beruflich Beschäftigten zu drücken. Wenn man das vernünftig organisieren würde: es ist einfach zuviel zu tun und wenn Zivieldienstleistende die weniger qualifizierten, bzw. besonders zeitintensieven Tätigkeiten in diesen Bereichen übernehmen oder da aushelfen könnten - dann bliebe für die Pflege-Profis immer noch genügend zu tun. Die Hand einer dementen alten Dame ein halbes Stündlein zu halten, oder hilflose Bettlägrige/Behinderte bei Sonnenschein im Rollstuhl durch den Park zu schieben, geduldig die einzelnen Happen an Leute verfüttern, die nicht selbständig Löffel und Gabel führen können - dazu braucht es Zeit und menschliche Zuwendung, nicht jahrelange Pflegeausbildung...

Ich persönlich hatte das Glück, damals als Jugendherbergs-Zivi arbeiten zu können. Keine Ahnung, wer die Arbeiten, die wir Zivis damals erledigten, heutzutage in den Jugendherbergen erledigt - aber nachdem ich gerade letzte Woche mal nachgeschaut habe, wo inzwischen die Übernachtungspreise für Einzelreisende in "meiner" damaligen DJH liegen, kann ich mir vorstellen, dass ein paar für das Jugendherbergswerk günstig zu habende Anpack-Hände dafür sorgen könnten, dass die Zahlen da wieder um ein paar - für wirklich arme Familien und/oder junge Reisende den Unterschied ausmachende - Euros nach unten gingen.

Ach übrigens: Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich damals meinen Zivildienst - zu exakt denselben Konditionen - gern um ein, zwei oder gar drei Jahre verlängert*. Ich war jung, hatte keine Familie zu versorgen, bekam vor Ort Unterkunft und Verpflegung und brauchte kaum Geld, konnte meinen Zivi-Sold also sogar großteils sparen. Und die Arbeit erlebte ich als interessant, abwechslungsreich, manchmal sogar herausfordernd oder spannen; und vor allem: sinnvoll und gut. Als wir neulich mal im Freundeskreis unsere Zivi-Erinnerungen austauschend Revue passieren ließen, sahen von uns Sechsen drei das genauso wie ich. Einer sah es neutral. Und nur einer meinte, er sei froh gewesen, als seine Zivi-Zeit endlich vorbei gewesen war (er hatte in einer großen Klinik vor allem Putz- und Dreckarbeiten verrichten müssen, seine Patienten-Kontakte hatten immer was mit vollgeschissenen Betten, mit Kotze und Pisse zu tun gehabt). Mein Freundeskreis ist sicherlich nicht sonderlich repräsentativ. Dennoch: vier von sechsen hätten damals gern, wenn's möglich gewesen wäre, ihren Zivildienst verlängert. Glaube nicht, dass die "Bundis" damals ebensoviel Spass an ihrem Plicht-Wehrdienst hatten...

 

 

 

*Es hätte allein von daher schon Sinn gemacht, weil ich nach zwanzig Monaten so richtig in den Betrieb eingearbeitet war, d.h. deutlich effektiver/produktiver arbeiten konnte.

jack-black antworten
2 Antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1648

@jack-black

Im Mikrokosmos ist es jeder Frau ihre Entscheidung ein Kind zu bekommen .

Tun es zuviel nicht, hat ein Volk keine Zukunft mehr und die Gesellschaft kollabiert im Extremfall, 2o Jahre später gibt's noch weniger Wehrfähige.... Der Gedanke des Verteidigens würde irgendwann einmal Absurd! Ein Altenheim verteidigen? Wer will das Angreifen.....

Nein! Kinder bekommen ist Grundlegend für diese Gesellschaft. Der größte Fehler der BRD war genau diese Denkweise "Privatsache"

Solange Männer nicht die Hälfte des Nachwuchs zur Welt bringen sind Frauen zu befreien.

Es sei denn, sie haben keinerlei Nachteile durch ein Kind.

kappa antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6216

@kappa Im Mikrokosmos ist es jeder Frau ihre Entscheidung ein Kind zu bekommen .

Tun es zuviel nicht, hat ein Volk keine Zukunft mehr und die Gesellschaft kollabiert im Extremfall

Richtig. Im hypothetischen Extremfall. Wann starb das letzte Volk aus, weil die zum Wehrdienst verpflichteten Frauen das Kinderkriegen einstellten?

Das sind Argumente aus dem letzten Jahrhundert, eher sogar noch aus den davorliegenden Jahrhunderten, die m.A.n. heute, in einer globalisierten Welt, keinen Sinn mehr ergeben. Und schon damals waren sie meistenteils Unfug (was aber noch nicht so ins Gewicht fiel, weil die Geburtenraten nahezu überall zu hoch waren, Stichwort Bevölkerungsexplosion).

Die Zukunft des deutschen Volks hängt nicht positiv davon ab, wieviele "Wehrfähige" nachproduziert werden. Das Gegenteil ist aus soziologisch-historischer Sicht sogar der Fall. Das deutsche Unglück des 20. Jahrhunderts, das mit dem 1. Weltkrieg begann, hing u.a. mit der damaligen deutschen sogenannten youth bulge zusammen: zuviele junge Menschen (Männer) in der demografischen Alterspyramide. Gesellschaften tendieren mit zunehmendem Anteil junger Männer (sorry Ladies, ich bitte um Verzeihung für meine Geschlechtsgenossen!) zu höherer Gewaltaffinität, das lässt sich in den vergangenen zweihundert Jahren, seit also die Kindersterblichkeit rasant zurückging, während die Geburtenraten wesentlich langsamer abnahmen, recht gut studieren.

Überalternde Gesellschaften geraten sicherlich an einen Haufen von neuen Problemen. Jenes, besonders scharf auf kriegerische Gewalt zu sein, befindet sich eher nicht darunter. 

 

Nein! Kinder bekommen ist Grundlegend für diese Gesellschaft. Der größte Fehler der BRD war genau diese Denkweise "Privatsache"

Inwiefern war das der "größte Fehler"? Prosperierte die DDR, weil sie diesen Fehler nicht beging, daher so sehr, dass sich Westdeutschland schließlich entschied, sich dem östlichen Erfolgsmodell anzugliedern?

Es ist ja nun trivial zu sagen, Kinder zu bekommen sei grundlegend für eine Gesellschaft. Ohne Menschen keine Gesellschaft, schon klar. Aber das Kinderkriegen ist und war stets Privatsache, die abstrusen Menschenzucht-Ideen a la "Lebensborn" der Nazis kamen glücklicherweise nie über mickrige Versuchsansätze hinaus. Einschränken lässt sich das Kinderkriegen durch staatliche Gewalt - China kann davon ein Lied singen, das übrigens inzwischen in Moll gewechselt hat. Aber umgekehrt lässt sich das Kinderkriegen nicht mit staatlicher Gewalt forcieren, solange zumindest nicht, wie der Staat freiheitlich-demokratisch statt totalitaristisch organisiert wird, wie meinetwegen in "The Handmaid's Tale". Es lassen sich womöglich staatliche Anreize geben, aber damit die wirken, muss vermutlich eine Menge Geld in die Hand genommen werden von wegen: familienfreundliche Infrastruktur, in der sich berufliche Karriere und Elternschaft leicht vereinbaren lassen. Eine Frau, die keine Chance sieht, für ein eventuelles Kind einen bezahlbaren Krippenplatz in der Nähe zu finden, oder einen Arbeitgeber, der kein Problem darin sieht, wenn sie öfter mal einen Tag nicht am Arbeitsplatz erscheint, weil ihr kleiner Schatz mit Husten und Kotzerei daheim gepflegt werden muss -  und aus diesem Grund lieber auf das Kind verzichtet... Die wird ihre Entscheidung kaum revidieren, wenn man ihr sagt: "Hey, immerhin brauchst Du nicht zu Bund! Das spart doch viel Lebenszeit, da kannste doch mal was für das Renten-, Pflege- und Vereidigungssystem in 20 Jahren tun..."

Jedenfalls begannen die Frauen in Westdeutschland schon damit, weniger Kinder zu bekommen, als die Wehrpflicht ausschließlich für uns Männer galt: aus individuellen Gründen insbesondere, weil sie mit der Pille ein mächtiges Instrument in die Hand bekamen, selbst darüber zu entscheiden, ob sie schwanger werden wollten oder nicht. Diese Selbstbestimmungsmöglichkeit kann man ihnen natürlich durch Zwang wieder nehmen: Pillen-Verbot und harte Bestrafung in Fällen von Abtreibung. Wenn das jemand will - von mir aus gern, aber warum sollte ich ein Land, in welchem Frauen nicht selbst darüber bestimmen können, wieviele Kinder sie gebären wollen, überhaupt verteidigen wollen?

Wie auch immer: In Deutschland leben heute mehr Menschen als je zuvor, im letzten Jahr zwei Millionen mehr als noch 2010. Irgendwie konnte also bisher der Kollaps vermieden werden und die Deutschen (damit meine ich jene Menschen, die in Deutschland leben, nicht irgendeine rassische Konstruktion) starben und sterben auch weiterhin nicht aus. Global betrachtet (und ebenso, wie ich Deutscher bin, bin ich auch Welt-Bürger) steigt die Bevölkerungsdichte weiter. Und jeder in Deutschland geborene Mensch verbraucht überproportional viele Ressourcen, d.h. für jedes in Deutschland zur Welt kommende Baby könnten 5 Babys im Kongo geboren werden - der ökologische Impact auf die Welt wäre ungefähr gleich.

Zusammengefasst: eine Ungleichbehandlung der Geschlechter bei der Dienstpflicht führte in der deutschen Vergangenheit nicht dazu, dass der Rückgang der Geburtenrate hierzulande gestopt wurde und es erscheint mir unwahrscheinlich, dass es sich zukünftig anders verhielte. Es gibt heute mehr Menschen als je in Deutschland, ein Kollaps aufgrund von Menschenmangel erscheint also auch zukünftig nicht plausibel. Ein Deutschland, in welchem Frauen zum Kinderkriegen gezwungen würden, wäre es nicht wert, verteidigt zu werden - nicht politisch-wirtschaftlich und schon erst recht nicht mit Waffengewalt.

 

jack-black antworten
Seite 2 / 4
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