Was tun gegen Dämonen, die mich verfolgen?
Hallo,
Das hier ist ein ernstes Thema und könnte manche Leute vielleicht triggern.
ich habe das Gefühl, ich werde von Dämonen heimgesucht. Ich träume zum Beispiel oft davon, dass Dämonen (in Form von Leuten aus meinem Leben) in mich rein wollen. Dann bete ich oft laut oder versuche das zumindest und komme so meistens raus aus dem Schlaf oder der Paralyse. Ich kann nicht mehr schlafen, weil ich nicht mehr schlafen will vor Angst und ich bin erst 15, also wirkt sich das auch auf meine schulischen Leistungen aus. Immer wenn ich was dagegen tun will, klappt irgendwas nicht. Mein Handy stürzt zum Beispiel gerade die ganze Zeit ab, während ich das hier schreibe und sonst habe ich keinen mit dem ich darüber reden kann (Ich habe es schon versucht Freunden oder meiner Schwester zu erzählen, aber sie sagten entweder ich sei verrückt oder das sei normal und ich solle mir nichts draus machen, weil es den Teufel doch eh nicht gäbe). Ich fühle mich ständig beobachtet und hatte auch schon als Kind viele Erfahrungen, dass ich Gestalten gesehen und gehört habe, die nicht da waren. Ich habe panische Angst irgendwie allein oder im Dunkeln zu sein deswegen. Was soll ich machen?
Hallo Julia,
willkommen auch von mir!
Bei deinem Text habe ich mich ähnlich wie Frosch80 auch gefragt, was genau du denn hier unter einem "Dämon" verstehst. Denn was du beschreibst sind ja eher quälende Gedanken und psychischer Stress, unter dem du stehst, mal ganz laienhaft formuliert. Aber anscheinend bist du ja gläubig und betest, damit diese Gedanken verschwinden, ich vermute mal, dass du also wirklich das Gefühl hast, dass da "etwas" ist.
Nun muss ich sagen, dass ich nicht an "Dämonen" glaube, und nach einer vergeblichen Suche nach Gott betrachte ich mich inzwischen auch als Atheisten. Dennoch hatte ich vor vielen Jahren (Als ich noch auf der Suche nach Jesus war) auch das Gefühl, von Dämonen verfolgt zu sein. Und die Tatsache, dass ich eigentlich nicht daran glaubte half mit in dem Moment auch nicht weiter... das Gefühl war ja trotzdem da.
Also sagte ich mir damals: Wenn Dämonen existieren, so wie in der Bibel geschildert, dann existiert auch Gott. Und wenn Gott existiert, dann ist er die richtige Adresse, an die ich mich wenden kann... denn alleine werde ich das Zeug in diesem Fall nicht los. Also legte ich damals alles in Gottes Hände, in einem Gebet, in dem ich ihm alles anvertraute, weil ich mich nicht in der Lage sah, hier irgendetwas zu tun... was hätte ich auch tun können, so ein "Dämon" ist ja nicht zu packen oder zu vertreiben. Aber Gott würde schon damit fertig werden.
Danach hatte ich dann erst einmal Ruhe. Allerdings war dann nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen... meine Probleme, die zu diesen Gefühlen geführt haben, waren ja immer noch da. Da hatte ich damals noch viel anzugehen. Aber zumindest war dieser irrationale, beängstigende Teil verschwunden, weil ich damals einen Schlussstrich gezogen habe. In der Gemeinde damals hat man mir übrigens ein "Freibeten" vorgeschlagen... aber nachdem ich das geprüft hatte wurde mir klar, dass mich das nur in eine ungute Abhängigkeit geführt hätte. Aber da muss jeder seinen eigenen Weg finden.
Lange Rede, kurzer Sinn... ich denke, dass dein Problem aus mehreren Teilen besteht. Einerseits aus Teilen, die du nicht direkt beeinflussen kannst - das solltest du vertrauensvoll abgeben, dann daran kannst du erst mal nichts ändern.
Und dann gibt es Teile, an denen du sehr wohl arbeiten kannst. Wie genau - das vermag ich dir als Laie aus der Ferne auch nicht zu sagen. Aber es geht ja erst einmal darum, zu beginnen.
und sonst habe ich keinen mit dem ich darüber reden kann (Ich habe es schon versucht Freunden oder meiner Schwester zu erzählen, aber sie sagten entweder ich sei verrückt oder das sei normal und ich solle mir nichts draus machen, weil es den Teufel doch eh nicht gäbe).
Ja, das sehe ich auch so... also, dass es das nicht gibt. Nur - das nützt dir ja nichts. Wenn ich dir jetzt oberschlau sage: "Hey, den Teufel gibt's gar nicht!", dann wirst du ja kaum antworten: "Ach so! Ja, danke, dann ist ja alles prima!".
Die Gefühle sind ja sehr real. Und was diese Gefühle verursacht... na ja, was weiß ich schon? Mit ein paar schönen Worten wird die Sache nicht erledigt sein. Aber ich kann verstehen, dass sich manche Menschen von deiner Situation überfordert fühlen. Das war bei mir damals auch so... mir konnte damals auch keiner helfen. Und als ich endlich Leute traf, die sagten, dass sie mich ernst nehmen und mir helfen konnten waren es promt die Falschen... na, danke auch. Deshalb habe ich es ja auch am Ende mit mir mir selbst und Gott ausgemacht, ohne wen anders. Für mich war das damals richtig.
Was für dich richtig ist kann ich natürlich auch nicht sagen... aber vertrauensvoll abgeben halte ich zumindest mal für einen guten Anfang.
Alles Gute dir!
Ich würde an deiner Stelle einen Seelsorger aufsuchen. Die meisten Kirchen haben entsprechende Angebote. Alternativ kannst du auch dein Hausarzt aufsuchen.
Wenn du es lieber anonym hast, dann kannst du auch Telefonseelsorge nutzen. Neben Telefon wird mittlerweile auch Chat / Mail angeboten.
Veröffentlicht von: @queequegIch habe einen Kinder- und Jugendpsychiater erwähnt, um damit gegen seinen Psychiater Stellung zu beziehen.
Ein Schulpsychologe ist in der Regel auf Kinder und Jugendliche spezialisiert und hat auch Kontakte zu passenden Psychiatern.
Richtig, aber er ist eben Psychologe und kein Arzt.
Veröffentlicht von: @queequegRichtig, aber er ist eben Psychologe und kein Arzt.
Was soll ich dazu noch sagen? Hauptsache du hast Recht! Für Psychiater und Psychologen ist kein Überweisungsschein notwendig. Ein Gespräch mit einem Hausarzt kann auch schief gehen. Daher kann sie direkt zu einer Fachfrau/Fachmann gehen oder völlig bürokratiefrei erstmal zum Schulpsychologen.
Es geht nicht darum, ob ich recht habe oder nicht, sondern darum, wo ein Mensch mit den beschriebenen Problemen am besten aufgehoben ist.
Du hattest als erstes einen Psychiater erwähnt. Der ist Arzt und für ihn braucht man eine Überweisung und für einen Psychologen, der kassenrechtlich abrechnet, ebenso.
Für Psychologen, die nicht über die Kassen abrechnen, braucht man keine Überweisung, muss sie aber privat bezahlen.
Psychologen in einer Institution, z.B. ein Schulpsychologe, benötigen keine Überweisung und man muss sie nicht privat bezahlen.
Der Nachteil bei einem Psychologen ist, dass er keine psychiatrischen Krankheiten oder Probleme behandeln kann, weil er dazu keine Ausbildung hat und es auch nicht darf.
Um hier einen vernünftigen roten Faden zu knüpfen, wäre folgender Ablauf sinnvoll:
Gespräch mit einem Schulpsychologen, wenn es den gibt. Wenn der gut ausgebildet ist, wird er sich eine Meinung bilden und unabhängig davon den Betreffenden zu einer kinder- und jugendpsychiatrischen Stellungnahme vorstellen. Da entscheidet sich dann, ob die Probleme im Bereich psychiatrischer Behandlungsnotwendigkeit, für die nur der Arzt zuständig ist, angesiedelt sind, oder eher in Richtung Psychotherapie oder psychosozialer Begleitung gehen.
Eine länger dauernde therapeutische Behandlung wird meines Wissens von Schulpsychologen nicht durchgeführt.
Also, so wie sich das Bild zeigt, braucht der Vater eine Behandlung, eine deutliche Ansage, dass er so nicht mit seiner Tochter umspringen kann und darf. Eine Familienhelferin könnte da schon einiges bewirken.
Die Tochter braucht einen Schutzraum, evtl in der Schule, wo sie in Ruhe ihre Hausaufgaben machen kann und dem längeren zeitlichen Volltanken mit Frust durch ihren Vater entzogen ist und aus den falschen Schuldzuweisungen herauskommt.
Es ist auffällig, wie sich hier im Thread eine Art Familiensituation wiederspiegelt: wer mit Julia spricht und wer nicht. Wie sich eine Streitatmosphäre entwickelt hat und wie in welchen Punkten missverstanden wird. Sehr aufschlussreich für mich.
enar hat Fürbitte für Julia erwähnt und das werden sicher einige aufgreifen, damit sich die Atmosphäre klärt und die richtigen Wege gefunden und gegangen werden können.
Hallo Julia,
es wurde dir ja schon der Rat gegeben, einen Seelsorger aufzusuchen. Das halte ich auch für eine gute Idee. So bekommst du geistlichen Beistand.
Du schreibst, dass du laut betest, um aus dem Traum und der Paralyse herauszukommen. Bist du tief verwurzelt im christlichen Glauben? Und wie ist es mit deiner Familie? Ich habe den Eindruck, dass dein Vater ein sehr beschwertes Herz hat, was ihn dazu veranlasst, dir seine Sorgen aufzuladen. Meiner Meinung nach kann das nur durch das Einströmen der Liebe Gottes geheilt werden.
Wie ist es denn mit deiner Mutter? Du hast sie nicht erwähnt, kann es sein, dass du mit deinem Vater allein lebst? Dass er dich deshalb als Ventil benutzt?
Wenn du selbst etwas tun möchtest, dann kann ich dir empfehlen, bei jeder Gelegenheit, bei der du dich unwohl und angegriffen fühlst, sei es von deinem Vater oder von geistigen Wesen, dich intensiv in die Anrufung des Namens Jesus Christus zu versetzen. Also bete nicht irgendein Bittgebet, sondern bewge den Namen Jesus Christus in dir und zwar solange, wie du dich unwohl fühlst.
Es wurde auch gesagt, dass du zu deinem Vater nein sagen sollst. Das kann aber dazu führen, dass ein Streit eskaliert, zumindest verbal. Das macht die Sache nur noch schlimmer. Konzentriere dich dagegen auf die Liebe Jesu Christi, die dir zuteil wird, wenn du ihn anrufst.
Du kannst auch darum bitten, dass für dich gebetet wird. Ich bin sicher, dass du da auch hier Menschen finden wirst, die das tun werden.
Moin Julia!
Sei gegrüßt so von Unbekanntem zu Unbekannter! 🙂
Weil wir beide einander unbekannt sind, kann ich auch nicht wissen, wie man Dir in Deiner Situation am besten helfen könnte. Ich habe hier im Thread jetzt schon ein bisschen rumgescrollt und die meisten Antworten gelesen, und irgendwie wurde ich dadurch an eine Stelle aus dem Roman "Der Herr der Ringe" erinnert. Kennst Du den (ich meine nicht die Filme, sondern die Bücher)? Im ersten Band (Die Gefährten) wird da ja Frodo von den Ringgeistern aus seinem gemütlichen und friedlichen Zuhause verjagt. Zusammen mit wenigen, ebenso kleinen und schachen Hobbit-Freunden, wie er selbst einer ist, laufen sie nachts durch für sie unbekannte Gegenden. Verängstigt und ohne recht zu wissen, wo sie sich hinwenden sollten.
Doch der Zufall will es, dass in derselben Nacht, in der sie durch den dunklen Wald fliehen, sie einer Gruppe von Elben begegnen, unter deren Schutz sie rasten können. Diese Elben sind selbst gewissermaßen auf der Flucht - sie flüchten aus Mittelerde zurück nach Valinor, ihrer Heimat oder zumindest der Heimat ihrer Vorfahren. Aber ihre Flucht ist geordnet und ohne alle Panik, es ist mehr eine bewußte Emigration... Wie auch immer: die Elben sind menschenähnliche Wesen: Nur sterben sie nicht am Alter und altern körperlich überhaupt nicht richtig - sie sind also jung und alt zugleich, haben schon Jahrtausende an Erfahrungen gemacht und sich dennoch z.B. die Lust der Jugend am Tanzen und Singen und Feiern bewahrt. Mit dem Anführer dieser Elben, Gildor Inglorion, kommt nun Frodo in's Gespräch. Frodo berichtet von dem, was ihn bedrückt und von der ihm nicht wirklich durchschaubaren Gefahr, die hinter ihm hinterher ist. Er fragt den Elben nach den Nazgûl (so werden die Ringgeister genannt), aber Gildor rückt nicht so recht mit der Sprache raus, sondern weicht einer direkten Antwort eher aus. Frodo, der über seinen Onkel Bilbo schon öfter mit den Elben zu tun hatte, sagt darauf etwas enttäusch: "Es heißt: Frage nie die Elben um Rat, denn sie werden sowohl Ja als auch Nein sagen..."
Darauf entgegnet Gildor: "Selten geben die Elben unberufenen Rat, denn Rat ist eine gefährliche Gabe, selbst wenn der Weise einem Weisen rät, und alle Wege können in die Irre führen."
Diese Stelle im Buch - das ich ungefähr las, als ich in Deinem jetzigen Alter war - hat auf mich damals Eindruck gemacht, weil in ihr gleich mehrere kluge Gedanken enthalten sind.
Erstens ist das Rat geben immer gefährlich insofern, als sich auch die weisesten Menschen irren können. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn jemand einem etwas erzählt, was sich klug, schlau oder weise anhört: es könnte dennoch falsch sein.
Zweitens: wenn man einem falschen, auf Irrtum beruhenden (nicht vorsätzlich gelogenen), Rat folgt, kann man von ihm in die Irre geführt werden. Man wird von dem Rat, nicht von dem Ratgeber in die Irre geführt. Das liegt dann aber immer im eigenen Verantwortungsbereich, denn der Rat ist ja nur sowas wie eine Meinung - die man dann eben übernommen hat als eigene Meinung. Also gilt: wer einem Rat folgt, tut das stets auf eigene Verantwortung - und sollte also die Güte des Rates besser dreimal überdenken...
Drittens: Ausgerechnet die weisesten Wesen auf der Welt - die Elben - geben ungern Rat. Warum? Was hat das mit ihrer Weisheit zu tun? Sie wissen das, was Gildor da sagt, aus Erfahrung. Sie haben schon genügend Beispiele dafür erlebt, wie ein falscher Rat, egal wie gut gemeint er war, jemanden in die Irre führte, wie Probleme, bei denen man Lösungsvorschläge machte, dadurch nur noch größer wurden. Sie haben aus - vermutlich häufig schmerzlicher - Erfahrung gelernt, dass der Stolz, den jeder, der einem anderen Rat gibt, dabei fühlt, verführerisch ist: die Gelegenheit, sich als toller Hecht zu präsentieren, der die Antwort auf schwierige Fragen hat und der als großer Helfer, dem im Erfolgsfall natürlich auch große Dankbarkeit gebührt - diese Gelegenheit ergreifen weniger weise Menschen häufiger als die Weisen. Sie geben Ratschläge (die sie für richtig halten) nicht nur, um dem Ratfragenden zu helfen, sondern eben auch, weil sie sich in der Rolle des Ratschlaggebers besonders wohl fühlen. Sie geben auch halbgare Ratschläge, wenn sie gerade keine garen (also von vorn bis hinten durchdachten) Ratschläge zu bieten haben: Weil die Einsicht, nichts Schlaues beizutragen zu haben, irgendwie frustrierend ist.
So. Und nun sitze ich also hier und schreibe was von den Weisen und wie die in der Regel eher ungern unberufenen (d.h.: inkompetenten) Rat geben. Aber ich bin nicht Gildor. Du bist auch nicht Frodo, allerdings befindest Du Dich ja im übertragenen (nicht im "realistischen") Sinne in einer ähnlichen Situation wie er: Du hast Angst vor etwas oder jemandem, fühlst Dich verfolgt und bedrängt, weißt aber nicht so richtig, wer oder was dich da bedrängt, dir Angst macht und den Schlaf raubt.
Im Gegensatz zu Gildor - der sehr wohl wußte, wer die Ringgeister waren und was es mit ihnen auf sich hatte, der aber guten Gründen (die zu erläutern hier zu weit führen würde) zweifelte, dass es gut wäre, Frodo über sie zu berichten - weiß ich nicht, was Deine Ängste und Gefühle verursacht. Ich bin kein weiser Elb, ich bin nicht mal jemand, der eine psychotherapeutische Ausbildung speziell, was Jugendliche angeht, hätte. Ich bin nur ein schon etwas älterer Mensch, der in seinem Leben schon einiges erlebt hat - auch Situationen, in denen Freunde von mir Angstanfälle hatten, sich verfolgt fühlten und so fort. Ich habe - wie alle älteren Menschen - auch mal eine Jugendzeit gehabt und kann mich noch einiger Situationen erinnern, in denen ich nicht ein noch aus wußte und vor allem mich einsam und allein fühlte. Wo ich gern jemanden gehabt hätte, der mir bei meinem Problemen, die mir unüberwindlich vorkamen, helfen würde. Probleme, für die ich nicht mal jemanden hatte, mit dem ich "vernünftig" über sie reden konnte. Wie Du eine Schwester hast, habe ich einen Bruder - den konnte ich aber bei meinen Problemen nicht fragen. Und die paar Freunde, die ich hatte - die hätten mich nicht verstanden. Oder sie hätten über meine Unsicherheiten und Problemchen womöglich nur gelacht, doofe Bemerkungen darüber gemacht und mich womöglich noch Jahre später damit aufgezogen.
Ich will nicht behaupten, ich wüßte, wie Du Dich fühlst. Denn ich hatte keine Angstattacken, wie die, von denen Du berichtest, wenn Du von "Paralyse" schreibst, und ich hatte auch keine Angst vor Dämonen oder dem Teufel. Ich kann mir nicht mal richtig vorstellen, wie sich so eine Dämonen-Angst anfühlen könnte. Und zwar, weil ich weder an den Teufel, noch an Dämonen (übrigens auch nicht an Götter) glaube, ebensowenig wie an Magie, Flüche oder ähnliche Dinge. Insofern bin ich also so ähnlich "drauf", wie Deine Freunde oder Deine Schwester, von denen Du berichtest:
Ich habe es schon versucht Freunden oder meiner Schwester zu erzählen, aber sie sagten entweder ich sei verrückt oder das sei normal und ich solle mir nichts draus machen, weil es den Teufel doch eh nicht gäbe.
So ähnlich. Nicht genau so. Also: Es gibt den Teufel - als ein Wesen, das unabhängig von unserem Denken, unseren Vorstellungen, unseren Ängsten oder auch unseren Sehnsüchten existieren würde - meiner Ansicht nach nicht. Vor ihm braucht man sich - ebensowenig wie vor Dämonen, Geistern usw. nicht zu fürchten. Bis dahin stimme ich Deiner Schwester und Deinen Freunden also zu. Aber: das heißt nicht, dass Du verrückt seiest, wenn Du Dich vor solchen Dämonen oder dem Teufel fürchten würdest. Denn in den Vorstellungen vieler Menschen sind Teufel und Dämonen ja vorhanden. Indem Du den Teufel oder die Dämonen Dir vorstellst, und indem Du ihnen Gefühle (wie Angst) entgegenbringst, machst Du sie sozusagen wirklich - sie wirken auf Dich ein, haben Wirksamkeit - und Wirksamkeit kann nur etwas haben, das es gibt (existiert, real ist).
Wie nun die Dämonenvorstellungen in Deine Gedanken, die Gedanken einer mir Unbekannten, gekommen sind - das kann ich, der Unbekannte unmöglich wissen. Alles, was ich weiß, ist, dass wir Menschen allesamt super komplizierte Wesen sind, alle unsere ganz persönlichen Geschichten haben und also allesamt "verrückt" in dem Sinne sind, dass wir an irgendeiner Stelle vom Durchschnittsmenschen und dessen Denken abgerückt sind. Und ich weiß, dass solche Ängste: nicht normal zu sein, verrückt zu sein - im Jugendlichenalter besonders verbreitet sind. Eigentlich sind sie da schon fast wieder normal. 😀 Hhmm... Also wenn ich das jetzt genau bedenke, ist das, was Deine Schwester und Deine Freunde Dir sagten, auch in dieser Hinsicht
das sei normal
meine Meinung. Ängste zu haben ist normal. Auch unbegründete, also nicht vernünftig zu erklärende, Ängste zu haben ist, zumindest in gewissem Rahmen, normal. Gefühle lassen sich ja häufig nicht einfach (oder manchmal auch gar nicht) vernünftig erklären: Ängste so wenig wie auch freudigee Hochgefühle...
Aber nur, weil man sich häufig die eigenen Gefühle nicht erklären kann, heißt dies nicht, dass es nicht irgendwelche Gründe für sie gibt. Die Ängste, die Dich verfolgen und die Dir den Schlaf rauben (und in dieser Hinsicht also schon nicht mehr so durchschnittlich normal sind, insbesondere falls diese Phasen der Schlaflosigkeit länger anhalten), haben irgendeine Ursache (oder vermutlich sogar mehrere Ursachen).
Nur: welche könnten das sein? In Deiner Vorstellung gibt es den Teufel und gibt es Dämonen. Aber wie kamen die da hin? Irgendwo mußt Du ja diese Vorstellung "aufgeschnappt" haben. Deine "vernünftige" Antwort darauf, woher Deine Angst stammt, ist, kurz gesprochen: "Dämonen bedrängen mich." Solche Art von "vernünftigen" Antworten auf schwierige Fragen nennt man auch "Rationalisierungen". Da ist etwas, das irgendwie wichtig ist: bedeutsam, gefährlich, bedrohend, schmerzend... Und dafür muss es doch einen Grund geben, verdammt nochmal! Die Frage darf nicht unbeantwortet bleiben, schließlich kann man doch unmöglich sagen: "Naja, tut zwar scheiße weh, aber ich hab keine Ahnung, warum, also lass ich's halt weiter schmerzen!" Wenn wir Menschen Fragen haben, die wir nicht "unbeantwortet so stehen lassen" können, nehmen wir in Ermanglung der richtigen Antwort dann halt auch falsche Antworten, solange die sich irgendwie logisch anhören. Wenn Du also nach der Ursache für Deine Angst- und Verfolgtheitsgefühle suchst und da in der empirischen Realität (also der Welt ausserhalb von Dir) nicht fündig wirst, dann scheint es da immer noch eine Antwortmöglichkeit zu geben, die ausserhalb der empirischen Realität liegt: der Teufel, Dämonen, Geister. Von Dämonen hat man ja schon gehört, dass sie Menschen befallen, besetzen, in sie fahren könnten. Das ist also erstmal eine halbwegs plausible Erklärung, die besser zu Deinen Gefühlen passt, als überhaupt keine Erklärung zu finden.
Du hast Deine Angstgefühle mit der Antwort "Dämonen verfolgen mich" nun rationalisiert. Damit lassen sie sich vielleicht ein kleines bißchen besser ertragen, als wenn Du gar keine Antwort gefunden hättest.
Aber... Falls ich (oder Deine Schwester oder Deine Freunde oder noch ein paar hundert Millionen anderer Leute auf der Welt) recht haben sollte, und es den Teufel und Dämonen ausserhalb unserer Gedanken überhaupt nicht gibt, dann hast Du also Deine Gefühle (die Angst und das Gefühl, verfolgt zu werden) nur mit ewas erklärt, was allein in Deinem Kopf existiert. Die Vorstellungen von Dämonen, die andere Leute in ihren Köpfen haben, sind ja eben dort: in ihren Köpfen, nicht in Deinem: es sind also andere Vorstellungen. Die Dämonen, von denen Du Dich verfolgt fühlst, sind nur in Deinem Kopf, in Deiner Vorstellung vorhanden, nirgendwo sonst. Kürzer gesagt: Du hast Dir die Antwort, worauf Deine Angst und das Verfolgungsgefühl zurückzuführen sei, schlicht ausgedacht. Jetzt sind da in Dir nicht nur die schmerzhaften Gefühle, sondern jetzt sind da obendrein noch der Teufel und die Dämonen. Das Konzept von Teufel und Dämonen - das hast Du von anderen übernommen (das wird ja millionenfach in irgendwelchen Geschichten erzählt), aber Du hast es sozusagen mit Leben gefüllt, mit Wirksamkeit: indem du es als Antwortmöglichkeit akzeptiert und in Deine Vorstellungswelt hineingelassen hast. Da sitzen sie also, die Damen und Herren Dämonen und können Dich drangsalieren, Dir das Leben schwer machen - und am Ende dann auch noch Dein Handy zum Absturz bringen...
Na, vielen Dank auch! Oder? 😉
Das mit dem Handy hab ich jetzt etwas sarkastisch formuliert. Es bezog sich auf diesen Bericht von Dir:
Immer wenn ich was dagegen tun will, klappt irgendwas nicht. Mein Handy stürzt zum Beispiel gerade die ganze Zeit ab, während ich das hier schreibe
Ich will mich nicht über Dich lustig machen. Obwohl ich mir hundertprozentig sicher bin, dass es keine Dämonen gibt und dass sie entsprechend auch nicht direkt oder indirekt irgendwelche Smartphones sabotieren können, nehme ich Deinen Hinweis schon ernst. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Dämonen, denen Du in Deiner Vorstellung einen Platz gegeben hast, dort nun weiter wirken. In der Hinsicht funktioniert Dein Denken so, wie das Denken von uns allen: Wir interpretieren Ereignisse, die uns begegnen, in der Regel so, dass sie zu dem, was wir ohnehin schon dachten, passen. Wir nehmen Ereignisse, die zu dem, was wir denken, gut passen, deutlicher und schneller wahr als Ereignisse, die zu dem, was wir denken, nicht passen. Das geht wirklich allen Menschen so, und dieser psychologische Mechanismus ist in meinen Augen die größte Barriere, die vor unseren Augen steht und uns von der Erkenntnis, wie die Welt tatsächlich ist, immer ein Stück weit trennt. Auf Englisch lautet der Fachausdruck für dieses Phänomen "confirmation bias", auf Deutsch spricht man da vom Bestätigungsfehler. Kurz gesagt handelt es sich da um die Tendenz, dass wir Informationen, die uns über unsere Sinne (Augen, Gehör, Tast-, Geschmacks- und Geruchsinn) erreichen, nicht "gleichberechtigt" behandeln, sondern dann, wenn sie so überhaupt nicht zu unserem Weltbild passen, praktisch ignorieren, während wir ihnen, wenn sie unser Weltbild bestätigen, eine besonders große Bedeutung zumessen.
Wenn Du nun als diese Erfahrung
Immer wenn ich was dagegen tun will, klappt irgendwas nicht.
machst, ist das keine objektive Beobachtung der Fakten - sondern dann hast Du die unterschiedlichen Informationen, die Dir ständig zufließen über Deine Sinne, hier schon tüchtig gesiebt und interpretiert. Als Beispiel bringst Du das Handy, dass die ganze Zeit abstürzt, während Du Dein Posting schreibst. Nehmen wir uns dieses Beispiel mal näher vor, so lassen sich zwei Einschätzungen dazu machen: Entweder, Du hast Deinen Beitrag nicht auf Deinem Handy geschrieben, sondern auf einem anderen Interface (PC, Handy Deiner Schwester, Tablet...), oder aber Dein Handy stürzte eben nicht die ganze Zeit ab. Falls zutrifft, was ich vermute, falls Du also Deinen Beitrag letzten Endes sehr wohl von Deinem Handy aus abgeschickt hattest, dann hattest Du nur während des Verfassens eben mal ein paar technische Probleme mit Deinem Handy, weswegen es länger dauerte und anstrengender/aufwendiger als erhofft war, den Thread hier im Forum zu eröffnen. Aus technischen Problemen, wie sie jeder mal hat und wie sie übrigens, wenn man sich auf irgendeiner Website anmelden will, gehäuft auftreten (alte Leute wie ich haben schon gar keinen Bock mehr drauf, sich ständig irgendwo neu registrieren, anmelden, verifizieren usw. zu müssen, weil das irgendwie ständig zwei, drei oder mehr Anläufe braucht...) - aus denen machst Du etwas anderes: nämlich Zeichen dafür, dass Du irgendwie verfolgt wirst. So, als würden die Dämonen, die Dich verfolgen, nun Dich aktiv daran zu hindern versuchen, Hilfe gegen sie zu finden: sie sabotieren Deine Kontaktaufnahme mit einem christlichen Forum. Das passt irgendwie doch sehr gut zu Dämonen, schließlich hört man doch, dass der christliche Glaube oder dass Jesus oder dass Gott gegen Dämonen helfen, von ihnen befreien, vor ihnen schützen...
Immer also, wenn Du versuchst, Dich von Deiner Angst und dem Verfolgtheitsgefühl, die Du auf Dämonen zurückführst, zu befreien, und wenn dann irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen - dann lassen sich diese Schwierigkeiten stimmig in das Gesamtbild einfügen: als Folgen des Handelns der Dämonen.
Anders herum aber - wenn mal was klappt - fällt es Dir nicht mehr auf. Du hast es ja letztlich beispielsweise geschafft, diesen Thread hier zu eröffnen. Das könnte man ja nun so interpretieren, dass es keine Dämonen gibt, die versuchen, Dich per Sabotage Deines Handys (oder anderer Mittel) von potentieller Hilfe abzuschneiden, oder? Aber dass Du es geschafft hast, den Thread hier zu starten - interpretierst Du das nun als Beleg dafür dass es diese Dämonen überhaupt nicht gibt?
Offenbar nicht. Das eine Ereignis - die Störung, den Absturz Deines Handys - nimmst Du wahr und ordnest ihm eine Bedeutung zu. Das andere Ereignis - dass es schließich mit der Anmeldung hier im Forum und dem Verfassen Deines Threads geklappt hat - nimmst Du nicht als bedeutsam wahr.
So funktioniert der Bestätigungsfehler.
Den, wie gesagt, wir Menschen alle regelmäßig begehen. Er beruht eigentlich auf einer sehr sinnvollen Einrichtung unseres Denkens: weil ständig so saumäßig viele Informationen auf uns einprasseln, muss unser Gehirn ständig schon - zack! zack! zack! - entscheiden, welche Informationen überhaupt wichtig genug sind, unserem Bewußtsein gewissermaßen zur letztlichen Handlungsentscheidung vorgelegt zu werden. Alles Unwichtige ausblenden zu können, ist ja ein Vorteil, wenn man sich auf das Wichtige konzentrieren möchte. Und in der Mehrheit aller Fälle sind Informationen, die nicht zu unserem Weltbild passen, falsche Informationen: Sinnestäuschungen beispielsweise, oder irgendwelcher Quatsch, den irgendwelche Leute in die Welt posaunen. Denn: wir haben unser Weltbild gemäß den Erfahrungen geformt, die wir bis heute hatten. Da wir bis heute überlebt haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir in den meisten Fällen die Informationen richtig einschätzten, dass also unser Weltbild im Großen und Ganzen richtig ist.
Wenn wir relevante (wichtige, bedeutsame) Informationen falsch einschätzen oder aufgrund unseres "Vorfilters" ignorieren, wird dies früher oder später dazu führen, dass wir uns falsch und das heisst: selbstgefährdend verhalten.
Das trifft auf uns alle zu. Solange es uns gut geht, ist dies - im logischen Umkehrschluß - ein Hinweis darauf, dass wir wohl keine relevanten Informationen falsch einschätzen oder ignorieren. Wenn es uns indes schlecht geht...
Du ahnst, worauf ich hinaus will? Dir geht es schlecht. Deine Angst hinsichtlich der Dich heimsuchenden Dämonen führt dazu, dass Du nicht genügend Schlaf bekommst. Zuerst leiden darunter Deine schulischen Leistungen, aber über kurz oder lang kann Schlafmangel auch wirklich gravierende Gesundheitsschäden verursachen, er ist also keine Lappalie, nichts, an das man sich als Dauerzustand gewöhnen kann.
Du hast Angst vorm Schlafen, weil Du die Alpträume fürchtest. Wir träumen aber - häufig in stark abgewandelter Form - in der Regel von den Dingen, die uns auch in unseren Wachphasen beschäftigen. Die Angst, die Du in Deinen Wachphasen vor den Dämonen hast, wird also weiter bestehen, egal, ob Du sie in den Alpträumen nun ungefilterter erlebst oder nicht. Sie geht nicht durch Schlafverzicht weg. Mein Fazit: wenn Du die Angst nicht hier, in der "Wach-Welt" unter Kontrolle bekommst, wirst Du sie auch nicht in der Traumwelt unter Kontrolle bekommen.
Na super, was für eine frohe Botschaft, wie?! Ich überlege die ganze Zeit, während ich dies schreibe: "Helfe ich Julia damit, oder machen meine Wort ihr womöglich nur noch mehr Angst, nehmen ihr womöglich eine Hoffnung (auf Hilfe durch die christliche Religion)?"
Wäre es nicht weiser von mir, wäre ich nicht elben-mäßiger, wenn ich einfach mal, frei nach Dieter Nuhr, meine Fresse halten würde, wenn ich keine Ahnung habe?
Ich rechtfertige das Schreiben dieser "Nicht-Antwort" so: Es gibt keinen Teufel und es gibt keine Dämonen ausserhalb unserer Gedanken. Und das ist eine gute Nachricht, eine Frohe Botschaft (Evangelium... 😉 ): Du brauchst vor Dämonen keine Angst zu haben und Du brauchst also auch nicht nach Zeichen für ihr Wirken zu suchen: das spart Zeit und Ressourcen. Diese Zeit und Ressourcen kannst Du anderweitig einsetzen.
Da ich nicht weiß, worin die eigentliche Ursache für Deine Angstgefühle liegt, kann ich über sie nur spekulieren. Dass es so eine Ursache gibt, ist höchstwahrscheinlich, denn ich denke nicht, dass allein das Dämonenkonzept, das Du von anderen mal aufgeschnappt hast, so wirksam in Deinem Kopf ist, dass es allein schon diese Ängste hat bewirken können.
Aber selbst für solche Spekulationen (Ratereien) habe ich aus Deinen bisherigen Beiträgen keine feste Grundlage. Da würde ich also einfach nur in's Blaue schießen, ohne signifikante Trefferwahrscheinlichkeit.
Daher möchte ich nur zwei Punkte ansprechen, die vielleicht (nur vielleicht!!!), da sie weit verbreitete Phänomene betreffen, auch in Deinem Fall von Bedeutung sein könnten.
Erstens: Einsamkeit. Ich sprach das oben schon mal kurz an. Einsamkeit ist, so hab ich's letztens mal in irgendeinem Vortrag gehört, die "Neue Volkskrankheit". Sie ist unter Jugendlichen heute weiter verbreitet als unter Alten (das war in früheren Zeiten, die noch nicht allzu lang zu rückliegen, mal umgekehrt). Wenn man niemanden hat, mit dem man über seine Gefühle offen reden kann, spürt man die Einsamkeit besonders. Sie besteht aber nicht nur aus diesem Mangel, sondern auch darin, dass man, wenn man allein mit sich und seinen Gedanken ist, nicht von anderen Menschen abgelenkt, auf andere Gedanken gebracht wird. Das Gegenteil von Einsamkeit ist nicht nur, jemanden zu haben, mit dem man über seine Ängste und Probleme reden kann. Es besteht auch darin, jemandem zu haben, mit dem zusammen man rumblödeln, feiern, Sport treiben, musizieren, über die Welt und den ganzen Rest quatschen kann. Jemanden, um den man sich kümmern kann, dem man helfen kann (immer, wenn man helfen kann, fühlt man sich in der Regel besser, siehe oben... 😉 ). Es besteht darin, dass man zu dem und dem Zeitpunkt da und dort sein muss, dass man soziale Verpflichtungen hat und durch sie eine Wichtigkeit, eine Bedeutung, die man sich selbst, allein, nicht geben kann.
Du erwähnst in Deinen Postings Deinen Vater, zu dem das Verhältnis offensichtlich alles andere als prickelnd ist. Aber Du erwähnst auch Deine Schwester und Deine Freunde. Wir Menschen tendieren häufig dazu, die Beziehungen zu Menschen, mit denen wir nicht gut klar kommen, wichtiger zu nehmen als die Beziehungen zu Menschen, mit denen wir gut klar kommen. Wir investieren also in schlechte Beziehungen mehr als in gute Beziehungen. Dabei wäre es, wenn wir das mal ganz "geschäftlich" betrachten, umgekehrt besser: in gute Beziehungen investieren (Zeit, Anstrengung, Gedanken, Aufmerksamkeit) und schlechte Beziehungen eher hintanstellen. Ja, schon klar: Vater und Mutter sind in der Regel die wichtigsten Personen in unserem Leben. Zumindest, wenn wir kleine Kinder sind.
Aber Du bist kein kleines Kind mehr. Du bist mit fünfzehn Jahren schon in der zweiten Hälfte der Tennagerzeit angelangt, und die Art und Weise, wie Du hier schreibst, deutet für mich darauf hin, dass Du im Kopf schon älter und reifer bist als eine durchschnittliche Fünfzehnjährige. Sagen wir also mal: Du bist schon so gut wie volljährig. Und damit in einem Lebensstadium, in welchem die Eltern nicht mehr so (überlebens-) wichtig sind, wie für Säuglinge oder kleine Kinder. Ja, es wäre schön, wenn Dein Vater sich mehr für Dich interessieren würde, wenn du von ihm deutlich Liebe und Rückhalt, Aufmerksamkeit und Respekt erfahren würdest.
Aber Du bist (fast) volljährig und Dein Überleben hängt nicht mehr davon ab, wie väterlich sich Dein Vater verhält. Insbesondere kannst Du das, was wir alle uns wünschen: wertgeschätzt zu werden - jetzt Dir auch bei anderen "holen". In anderen Beziehungen.
Erlaube, nochmal von mir zu erzählen (ach, wie wichtig ich doch bin! 😎 . Ich hatte als Kind und Jugendlicher Eltern, die zwar nicht perfekt waren, aber auf jeden Fall gut. Ich hatte die üblichen Pubertäts- und Teenager-Streitigkeiten mit ihnen, aber nie in einem Ausmaß, das ernsthaft zu einer völligen Entzweiung zu führen drohte. So ab dem 12. Lebensjahr bis in meine Zwanziger fand ich meine Eltern eigentlich nur langweilig, manchmal nervig, aber vor allem: uninteressant. Sie waren für mich da, wenn ich sie brauchte - was für mich selbstverständlich war. Und ich gehorchte ihnen im üblichen Rahmen, war also kein Problemkind und wurde nicht in meiner Halbstarkenphasen alle naslang von der Polizei daheim abgeliefert. Kurz: für mich waren meine Eltern gefühlsmäßig nicht wichtig. Ich hatte nicht das Bedürfnis, von ihnen geliebt oder respektiert zu werden (vermutlich taten sie's dennoch...), mir waren meine Freunde und natürlich immer das jeweilige Mädchen, in das ich grad verknallt war, tausendmal wichtiger. Mein um ein Jahr jüngerer Bruder nervte mich damals eher - so ungefähr ab unserem 11./12. Lebensjahr gingen wir gemeinsame Wege: auf unterschiedliche Schulen, mit unterschiedlichen Freundeskreisen: mir fehlte er nicht und ich ihm wohl auch nicht. Mein Verhältnis zu meiner Familie damals sah also so aus: ich nerve euch nicht, ihr nervt mich nicht. In Situationen, in denen ich mich - vor allem vor meinen Kumpels - gemeinsam mit meinen Eltern sehen lassen mußte, waren sie mir immer etwas peinlich.
Als ich so Ende Zwanzig war, kam ich mit einer Frau zusammen, die von ihrer Mutter allein erzogen worden war, deren "Erzeuger" aber lebte. Sie war also ein Scheidungskind. Unsere Beziehung endete irgendwann, weil wir einfach nicht zusammenpassten, und viele der Faktoren dafür hab ich bis heute nicht so ganz kapiert. Aber was mir damals schon auffiel, war, dass sie in Bezug auf ihre Eltern völlig anders tickte als ich. Ständig waren ihre Mutter oder ihr Vater irgendwie das Thema. Die wohnten praktisch am anderen Ende von Deutschland, insbesondere ihren Vater habe ich niemals persönlich getroffen - und dennoch war er ständig Thema. Wie er sie damals schon so scheisse behandelt hatte (und angeblich heute noch tat, indem er bei Telefonaten irgendwas nicht Liebevolles sagte, an Feiertagen nicht an sie dachte usw.) und inwiefern sie bis heute den Männern nicht trauen könne, weil sie bei ihrem Vater (und später noch bei einem Stiefvater) diese und jenes erlebt habe (nein, kein sexueller Mißbrauch). Aber auch ihre Mutter war ständig Thema. Besuche bei ihr, Besuche von ihr - irgendwelche Schwierigkeiten gab es immer. Und auch ihre Mutter verhielt sich ständig irgendwie falsch, sagte das Falsche, tat das Falsche, schenkte das Falsche oder stellte falsche Erwartungen... Kurz: meine Freundin hatte zu ihren Eltern ein Hass-Liebe-Verhältnis, das schon für mich echt anstrengend war, aber meine Freundin natürlich noch viel mehr stresste. Ich konnte das gefühlsmäßig nicht verstehen. Warum wollte meine Freundin von ihrem Vater so unbedingt doll geliebt werden, als knapp dreißigjährige Frau, die doch in diesen drei Jahrzehnten Zeit genug gehabt hatte, einzusehen, dass ihr Vater offenbar kein Interesse für sie aufbrachte? Das war doch egal, der wohnte ganz woanders und was der da machte oder nicht machte - warum juckte sie das? Ich besuchte meine Eltern einmal pro Jahr zu Weihnachten und vergaß häufig, mich telefonisch zu ihren Geburtstagen zu melden. Manchmal vergaßen sie's umgekehrt auch. Das juckte mich nicht. Wirklich nicht. Alle zwei, drei Monate telefonierte ich mal mit meiner Mutter - mein Vater war nicht so der große Telefonierer... 😉 Es reichte uns. Als sie mal Hilfe brauchten, half ich ihnen. Und sie halfen umgekehrt mir, als ich mal Hilfe brauchte. Ganz selbstverständlich, ohne großes Bohei. Meine Heimatbesuche zu Weihnachten waren in der Regel "ganz nett". Schön, mal wieder im Familienkreis zusammenzusitzen und von früher zu palavern. Aber nach zwei, drei Tagen war i.d.R. alles durchpalavert, und dann zog's mich auch wieder zurück in meine eigene Wohnung, zu meinem eigenen Job und vor allem zu meinen Freunden. Wenn ich nun diese meine Freundin mal zu solchen Heimaturlauben mitbrachte, war sie immer total begeistert davon, wie toll meine Eltern seien und sie hielt es mir praktisch wie eine Schuld vor die Nase, was für ein Glück ich doch hätte, so eine Familie zu haben. So nach dem Motto: "Du weißt Dein unverdientes Glück gar nicht wertzuschätzen!"
Ich jedoch sah es so: Zwar mochte ich meine Eltern, aber sie und ihre Angelegenheiten waren für mich nicht suuuper wichtig. Ich kam auch gut ohne sie aus, insbesondere emotional. Noch heute finde ich z.B. die Angwohnheit eines meiner Freunde befremdlich und irgendwie kitschig, zum Abschluss jedes Telefonats, das er mit seinen Kindern hat, zu sagen: "Ich liebe dich!" Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Vater das einmal in meinem Leben zu mir gesagt hätte, und ganz ehrlich: Ich vermisse es auch nicht. In der Rückschau hat er durch seine Handlungen zigfach bewiesen, dass er mich liebte. Auch z.B., indem er nie auf die Idee kam, mal Dankbarkeit einzufordern. Selbiges gilt für meine (noch lebende) Mutter.
Mein Verhältnis zu meinen Eltern damals war nüchtern, sachlich, freundlich - aber nicht durchwogt von großartigen Emotionen. Das war vielleicht das Geheimnis unseres Beziehungserfolgs. Wenn meine Eltern damals gestorben wären, hätte mich das vermutlich nicht besonders aus der Bahn geworfen - erst heute, zehn Jahre nach dem Tod meines Vaters, beginne ich ihn manchmal etwas zu vermissen, aber dann auch mehr so im nostalgischen Sinne, wie ich auch manche andere Dinge aus meiner Kindheit zu vermissen beginne, insbesondere richtige Winter mit richtig Eis auf dem See zum Schlittschuhlaufen! 😭
Da lag also einer der deutlichsten Unterschiede zwischen mir und meiner Freundin: Ich, der ich zwei nicht perfekte, aber unterm Strich gute Eltern hatte, legte auf meine Beziehung zu ihnen keinen großen Wert. Sie waren emotional für mich von keiner großen Bedeutung, selbst das Verhältnis zu manchen Arbeitskollegen erschien mir in der Regel wichtiger. Meine Freundin, deren Eltern objektiv keine guten Eltern waren und mit denen sie subjektiv ein chaotisches und sehr anstrengendes, häufig mit Leid verbundenes, also letztlich schlechtes Verhältnis hatte, war durch dieses Verhältnis wie absorbiert. Es bestimmte ihr Leben ständig, insbesondere war sie fortgesetzt damit beschäftigt, für alle möglichen negativen Ereignisse in ihrem Erwachsenleben immer noch mittelbar ihre Eltern verantwortlich zu machen. Auch an manchen Streitigkeiten zwischen mir und ihr waren dann irgendwie ihre Eltern verantwortlich, weil die sie in der Kindheit so scheisse behandelt hätten, dass sie nun, wenn sie mir gegenüber irgenwas Falsches getan hatte, nicht anders gekonnt hatte...
Das nervte mich irgendwann, denn für mich stellte es sich so dar: Statt ständig ihren Eltern oder ihrer schwierigen Scheidungskind-Kindheit alle Schuld für alles Negative in die Schuhe zu schieben, hätte sie doch wohl mal etwas mehr im hier und Jetzt leben, Verantwortung für ihre Handlungsweisen übernehmen und insbesondere nicht so verdammt viel Zeit in die Aufrechterhaltung der ohnehin kaputten Beziehung zu ihren Erzeugern stecken sollen. Es hatte etwas Manisches: Als wenn sie irgendwie ihre Eltern auf deren alten Tage noch hätte "umändern", oder als wenn die ständigen Abrechnungen und Vorhaltungen längst vergangener Taten oder Nicht-Taten noch was für das Heute hätten bringen können! Die Zeit und Energie, die sie in das verkorkste Verhältnis zu ihren Eltern steckte - wenn sie die in ihre Beziehung zu mir (oder auch zu anderen Freunden, zu Arbeitskollegen usw.) gesteckt hätte - was wäre da alles zu gewinnen gewesen! Vielleicht wäre ich dann heute mit ihr verheiratet und wir hätten selbst schon Kinder, in deren Erziehung wir sämtliche Fehler begehen könnten, die man sich nur auszudenken vermag. Na gut- vermutlich war's zum Besten unserer gemeinsamen Kinder, dass sie nie das Licht der Welt erblickten...
Schau mal, jetzt hab ich Dir soviel über mich erzählt, dass Dir vor Müdigkeit schon die Augen zuzufallen drohen. Aber vermutlich hast Du den belehrend geschwungenen Zeigefinger im Hintergrund mitgekriegt: Falls Du Dich zusätzlich zu Deiner Dämonenangst auch noch einsam fühlen solltest, so könntest Du dieses sehr leidbringende Gefühl vielleicht dadurch in Angriff nehmen, dass Du Dich auf die guten Beziehungen in Deinem Leben konzentrierst (oder Anstrengungen unternimmst, zusätzliche gute Beziehungen zu Menschen zu knüpfen) und die schlechten Beziehungen einfach etwas in den Hintergrund Deiner Aufmerksamkeit treten läßt. Dein Vater weiß nicht mal das Datum Deines Geburtstags? Sein Pech, da entgeht ihm dann der Anblick seiner freudig erstaunten Tochter, wenn er ihr zu dem Anlass ein unerwartetes und mit Liebe ausgewähltes Überraschungsgeschenk überreicht. Vielleicht aber erinnern sich Deine Freunde Deines Geburtstags (insbesondere, wenn Du sie zu der Feier einlädtst, haben sie ja kaum eine andere Wahl... ;-)) und Du verlebst mit ihnen einen schönen Tag, an dem Ihr gemeinsam was Besonderes unternehmt? Ich komme drauf, weil dies das schönste Ereignis in meinem Leben war: dass mich meine Doppelkopf-Jungs einen Tag vor meinem Geburtstag morgens unangekündigt aus dem Bett klingelten und mich auf ein langes Radtour-Wochenende entführten: kostengünstig, weil mit Übernachtung im Zelt und vielen selbstgeschmierten Stullen als Reiseproviant, dabei halb durchregnet - aber lustig ohne Ende. Die Zeit, Aufmerksamkeit und Energie, die ich in diese Freunschaftsbeziehungen steckte (wer zählt all die Treppenstufen bei all den Umzugskarton-Schleppereiaktionen in all den Jahren?), die waren gut investiert.
Den zweiten Punkt, den ich eigentlich auch noch ansprechen wollte, hab ich bei der ganzen Laberei glatt vergessen. 😀
Ach nee, doch nicht. Also, ganz kurz: Ich bin ja der Ansicht, dass wir Menschen uns eher durch Gewöhnung als durch Vorsatz oder Erkenntnis ändern. Wir werden zu dem, was wir regelmäßig tun. Wenn wir regelmäßig über unlösbaren Problemen grübeln, werden wir Grübler. Wenn wir regelmäßig lösbare Probleme lösen, werden wir Problemlöser.
In der Psychotherapie gibt es ja die unterschiedlichsten Ansätze. Einer davon ist der psychoanalytische Ansatz in der Tradition von Sigmund Freud (der mit der Couch... 😉 ), bei dem daran gearbeitet wird, die einer psychischen Erkrankung zugrunde liegenden Probleme herauszuarbeiten per Analyse.
Dann gibt es auf der anderen Seite den verhaltenstherapeutischen Ansatz: Dass bestimmte Verhaltensmuster, die ein Patient an den Tag liegt, per praktischen Übungen sozusagen überschrieben werden. Ganz (!) plattes (!!!) Beispiel: jemand mit Höhenangst steigt solange auf Kirchtürme rauf, bis die Angst irgendwann weg ist (angeblich soll sich so Goethe selbst "geheilt" haben).
Mir selbst leuchtet aufgrund eigener Erfahrungen (Computerspielsucht) der verhaltenstherapeutische Ansatz mehr ein. Ich hab vor einigen Jahren meine Verhaltensweisen/Tagesabläufe systematisch in gravierendem Maße abändern müssen. Hätte ich es nicht getan, wäre ich heute vermutlich schon tot per Suizid. Die Unterstützung eines guten Freundes und einer Gruppe der Anonymen Spieler halfen mir dabei, ein "gesundes Leben" wieder anzutrainieren. Teil dieses Trainings war, meine Tagesabläufe durchzustrukturieren und mir darin nicht genügend Zeitfenster zu lassen, in denen ich hätte rückfällig werden können. Ich wurde nicht von Dämonen verfolgt, aber von dem Drang, zu zocken. Man könnte diesen Drang auch als meinen persönlichen Dämon bezeichnen, denn er überfiel mich damals ständig (und auch heute noch spüre ich ihn manchmal, für Spieler gilt wie für Alkoholiker: einmal Spieler, immer Spieler. Aber man kann eben "trockener Spieler" werden...)
Mein Beispiel läßt sich natürlich nicht eins zu eins auf Deine Situation übertragen. Aber vielleicht kannst du ja mit dem Gedanken was anfangen, dass man einem Verhalten, das man an sich als ungut oder gefährlich erkannt hat, einfach keine Zeit mehr einräumt: dass man sich dieses Verhalten abtrainiert. Dazu gehört natürlich in einem ersten Schritt, dass man das eigene Verhalten genau beobachtet und die eigenen Verhaltensmuster herausfindet. Du könntest also an Dir genau beobachten, wann die Angst üblicherweise am stärksten Dich überkommt. Vielleicht kannst Du da sogar Uhrzeiten notieren oder wenn-dann Beziehungen herausfinden. Falls es da Regelmäßigkeiten geben sollte (z.B: abends zwischen 19.00 und 21.00 Uhr kommen besonders starke Angstschübe), könntest Du überlegen, ob Du diese Regelmäßigkeit für Dich nutzen könntest, indem Du abends ab 19.00 Uhr dir einen festen sportlichen Trainingstermin "verschreibst". Im Fitnesscenter um die Ecke oder per Dauerlauf durch den Park oder per Online-Schachspielen... Also irgendeiner regelmäßigen Tätigkeit, die Deine Anstrenung und Aufmerksamkeit erfordert und optimalerweise körperlich anstrengend ist. Es muss ja nicht jeden Tag sein - zwei oder dreimal pro Woche könnten ja schon ausreichen, damit Du herausfindest, ob solche Trainingseinheiten womöglich tatsächlich die Angstgefühle dämpfen oder sogar ganz vergessen lassen können.
Da Du von Deinen Alpträumen, derentwegen Du kaum mehr zu schlafen wagst, was dann zu einem Nachlassen Deiner schulischen Leistungen führt, schreibst: Wäre es nicht den Versuch wert, jeden Tag vor dem Zubettgehen eine Stunde für die Schule zu lernen? Wenn man sich vor dem Einschlafen intensiv mit einem Gegenstand beschäftigt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man diese Beschäftigung mit in die Schlaf- und somit Traumphase hineinnimmt. Das war während meiner Schuld- und Studienzeit mein Erfolgskonzept beim Lernen für Klausuren: Abends vorm Schlafen die wesentlichen Lerninhalte durchlesen (da reichte häufig eine halbe bis dreiviertel Stunde) und dann morgens gleich nach dem Aufwachen (Wecker stellen! 😀 ) die gleichen Lerninhalte nochmal durchlesen. Im Ernst: das half mir, dem eher faulen Typ, mit wenig Aufwand recht gute Klausuren zu schreiben.
Du könntest es ähnlich halten: vor dem Zubettgehen für die Schule büffeln, bis Dir vor Erschöpfung quasi die Augen zufallen. Buch zur Seite legen, Licht aus, schlafen. Und morgens ein viertelstündchen früher aufstehen und das noch griffbereite Buch wieder aufschlagen. Falls diese Methode helfen sollte, die Häufigkeit und Intensität Deiner Alpträume zu verringern und gleichzeitig noch Deine schulischen Leistungen zu verbessern, hättest du doch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, oder?
Ach übrigens: dass die Zeit vor und nach dem Schlafen wichtig ist und entsprechend unsere Angewohnheiten in diesem Zusammenhang - das lernte ich auf schmerzhafte Art während meiner Spielsucht-Phase*. Mein üblicher Tagesablauf sah so aus, dass ich morgens - wo zwischen 12.00 und 13.00 Uhr - noch bevor ich zum Pinkeln ins Bad wankte, meinen Rechner hochfuhr. Dann verging der Tag mit Zocken und zwischendurch schnell mal was zum Essen (bevorzugt Fertiggerichte wie Pizza und ansonsten Käsebrötchen und Nervennahrung aka Chips und Schnökerkram) einfahren und manchmal auch zum Einkaufen von mehr Junkfood. Ich zockte dann immer so lange, bis ich die Augen nicht mehr offen halten (also so morgens zwischen 6.00 und 7.00 Uhr) und also endlich, endlich! schlafen konnte. Ohne so erschöpft zu sein, hätte ich unmöglich einschlafen können, weil ich dann die ganze Zeit darüber hätte nachgrübeln müssen, wie ich mein Leben verkackt hatte: wie ich meine Freundschaftsbeziehungen vernachlässigt hatte, bis kaum noch welche übrig waren, wie ich keine Partnerin hatte, weil ich dazu nach der letzten Trennung ja erstmal wieder eine hätte finden müssen, wozu mir wegen der Zockerei die Zeit und Energie fehlten. Wie ich meine berufliche Karriere per Nichtstun vor den Baum gefahren hatte, wie sich die Schulden bei der Versicherung und beim Finanzamt antürmten, so dass der Stapel ungeöffneter Mahnbriefe neben meiner Wohnungstür es schon schwer machte, selbige zu öffnen... Mein Selbsthass und mein Selbstmitleid und meine Selbstverachtung - die hätten mich nicht einschlafen lassen, wenn ich nicht vorher bis zur Erschöpfung online gezockt hätte.
Ein wichtiger, vielleicht der wichtigste, Teil meiner Tagesablaufveränderung bestand dann darin, immer abends, zwei Stunden, bevor ich in's Bett ging, eine schriftliche Liste, was ich am nächsten Tag schaffen wollte, anzulegen und zu überprüfen, was ich tagsüber von der gestrigen Liste geschafft hatte. Und dann anderthalb Stunden mich sportlich am Hometrainer auszupowern (ich hatte mir während meiner Suchtphase eine Diabetes angefressen und angesessen, nun versuchte ich zu retten, was zu retten war, und das bedeutete: viel Ausdauersport, etwas, wofür ich eigentlich gar nicht geschaffen bin, weil eher so der anaerobe Typ... ). Kurz unter die Dusche, Schlafanzug an, ab in die Heia. Und morgens nach dem Aufstehen und dem Toilettengang zwanzig Minuten sauber machen. Also die Küche. Oder das Schlafzimmer. Oder das Arbeitszimmer, oder den Flur, oder das Bad oder im Treppenaus. Oder den Bürgersteig. Zwanzig Minuten. Immer, jeden Tag**. Na gut: im ersten halben Jahr meiner Trockenheit... Manche gute Angewohnheiten werden irgendwann dann doch wieder Opfer des faulen inneren Schweinehundes. 😉
Du siehst (falls Du überhaupt bis hieher gelesen hast): die Idee ist keine reine Kopfgeburt, sondern - zumindest in einem Fall - schon in der Praxis erprobt.
So, Julia - nimm von dem, was ich da ellenlang vor Dich hingeschüttet habe, mit, was Dir nützlich erscheint. Ich bin kein Elb, bin kein Weiser und ich kenne Dich nicht und weiß nicht, wie Dir am besten zu helfen wäre, welche Art Rat für Dich angebracht wäre. Vielleicht habe ich vollständig total ganzfixundfertig an dem vorbeigelabert, was für Dich wichtig und richtig ist. In dem Fall bitte ich um Entschuldigung, so viel von Deiner Aufmerksamkeit und Lebenszeit gestohlen zu haben. Und drücke Dir gleichzeitig alle verfügbaren Daumen, dass Du Deine Dämonen los wirst und zu innerer Ruhe kommst.
Alles Gute!
The Jack
*Den Tief- und damit Wendepunkt meiner Spielsuchtkarriere hatte ich, als ich einmal noch nicht müde genug im Bett lag und grübelte und grübelte und keine Hoffnung mehr sah, aus meinem selbstverschuldeten Unglück wieder rauszukommen. Da stand ich dann nachts um vier auf, setzte mich auf's Rad, schnaufte den Berg hinauf bis zur Autobahnbrücke und kletterte da auf das Geländer, um vor den nächsten LkW zu springen. Weil ich aber - first things first! - doch zu feige war, und weil der Luftzug mich etwas aus meiner Verzweiflung heraus ernüchterte, und weil mir als Ausrede einfiel, dass ich ja wenigstens noch einen Abschiedsbrief verfassen sollte, stieg ich wieder vom Geländer runter und radelte zurück. Inzwischen war ich - auch von der ungewohnten körperlichen Anstrengung - müde genug, um einschlafen zu können und das Verfassen des Abschiedsbriefes auf den nächsten Tag zu verschieben. Auf den Tag, an dem mich der erwähnte, um mich besorgte Freund besuchte und so lange Sturm klingelte, bis ich Häufchen Elend ihm schließlich öffnete und alles beichtete. Statt den Abschiedsbrief zu schreiben - was mir beim hellen Tageslicht eh irgendwie absurd pathetisch erschienen wäre - saß ich dann gemeinsam mit diesem Freund am Küchentisch, und wir öffneten gemeinsam all die Mahnschreiben inklusive der Ankündigung der Zwangsvollstreckung, die für die nächste Woche terminiert war. Erwähnte ich schon, dass dieser Freund mir letztlich wohl das Leben rettete?
**Eine Idee, die ich aus einer Doku über Unternehmenskultur in Japan übernahm. Da gibt es Firmen, wo alle Arbeiter jeden Morgen 20 Minuten ihrer Arbeitszeit mit Putzarbeit verbringen: das spart den Unternehmen einerseits die Kosten für extra Reinigungspersonal, stärkt zweitens den Zusammenhalt (auch die Vorarbeiter und Manager müssen mit putzen) und sorgt für mehr Ordnung und Sauberkeit, als sie durch extra Reinigungspersonal überhaupt erreichbar wären. Diejenigen, die in der Doku interviewt wurden, äußerten sich durchweg positiv über diese Regelung. Und ganz ehrlich: es ist wirklich ein gutes Gefühl, den Tag gleich mit einer sinnvollen und für einen selbst nützlichen Tat zu beginnen. Man fühlt sich gleich wie ein kleiner Held der Arbeit. 😉 Wo ich das jetzt so schreibe: ich geh mal kurz rüber in's Schlafzimmer, um meinen Wecker zwanzig Minuten vorzustellen...
und ich hab bis zum letzen Punkt gelesen. 👍 👍 👍
Oh, Mann... Hast Du wirklich gut und richtig beschrieben. Aber warum musstest Du dann selbst in genau die Falle, tappen, vor der Du zu recht gewarnt hast?
@queequeg Welche Falle meinst Du? Rat geben, obwohl man keine Ahnung hat?
Genau. Wobei es bei einem Rat ja überhaupt nicht darauf ankommt, ob man Ahnung hat oder nicht. Ein Rat kann faktisch durchaus richtig sein, aber für diesen Menschen in dieser Situation passt er nicht.
Weißt du... Jack kam als Mensch auf Augenhöhe, der selbst massive Situationen erlebt und durchgestanden hat. Und da ist die Hoffnung.... da ist Licht am Ende des Tunnels.... da erweist sich der Lebenswille als stärker.... und Freundschaft...... und davor ziehe ich meinen Hut...
@queequeg Ich verstehe, was Du meinst. Und ich hatte übrigens vorher schon bemerkt, dass Du Dich hütetest, Julia direkt irgendwelche Ratschläge zu geben.
Du hast recht.
@Julia: Streiche, wenn's irgendwie möglich sein sollte, meine Vorschläge (von wegen: abends noch eine Stunde vor dem Schlafengehen für die Schule lernen usw.) am besten weg. Naja, wie sollte das gehen? Vielleicht so: betrachte sie nicht als Ratschlag an Dich, sondern als rein theoretische Spekulation eine Unbekannten darüber, wie man sich ganz allgemein per Selbstdisziplinierung schlechte Angwohnheiten auch wieder abgewöhnen könnte. So rein theoretisch und allgemein spekuliert, dass es auf Deinen persönlichen Fall mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht als Problemlösungsstrategie passt.
Ich hatte mich aus Eitelkeit dazu hinreissen lassen, und weil sowas bei mir so gut funktioniert hatte. Dann schloss ich von mir auf Dich und tappte in die Falle, die mal jemand Cleveres so auf den Punkt brachte: "Der mit dem Hammer betrachtet alle Probleme als Nägel."
Aber warum musstest Du dann selbst in genau die Falle, tappen, vor der Du zu recht gewarnt hast?
Ist denn eine Falle, vor der man warnt und deren Funktion man genau beschreibt, überhaupt noch eine Falle...?
Etwas zu tun, um ein Problem zu lösen, beinhaltet immer das Risiko, das Falsche zu tun.
Gar nichts zu tun ist aber auf jeden Fall das Falsche.
Wo haste das denn her?
Von meinem Onkel. Der war sowohl im Christentum wie im Buddhismus recht bewandert und auch an der Philosophie sehr interessiert. Von dem habe ich eine Menge gelernt... gar nicht mal so sehr spezifisch inhaltlich, sondern dass es in der Erkenntnis im Laufe des Lebens immer auch eine Entwicklung gibt.
Und das ist eben das, was ich hier meine, auch auf Julia 0312 und ihre Probleme bezogen... es geht doch um eine Entwicklung hin zu einer positiveren Situation. Und das bedeutet eben, etwas zu tun.
Was nicht bedeutet, jetzt in hektischen Aktionismus zu verfallen oder jeden einzelnen Ratschlag zu befolgen, den man ihr hier gibt... ich denke, wir dürfen es ihr schon zutrauen, dass sie sich hier das heraussucht, was sie am meisten anspricht.
Und gegebenenfalls kann auch Abwarten die richtige Entscheidung sein, in manchen Fällen... aber dem geht dann zumindest eine Überlegung und ein Entschluss voraus. Auch das wäre mehr als "Nichtstun".
Aber jetzt eine Debatte darüber zu starten, welche Ratschläge angemessen sind und ob überhaupt oder sonstwas... na ja. Jack hat die Problematik doch gut erklärt, und es wurde hier doch explizit danach gefragt. Da kann man es auch einfach mal gut sein lassen.
@jack-black Danke für dein Vertrauen und deine Offenheit.
Hallo Jack-Black
Nach langer Auszeit bin ich wieder hier.
Bin berührt von deinem Posting.
Deinem mir gestatteten Blick in dein Leben!
Danke dafür!!
Deine Worte müssen nicht unbedingt Julia etwas nutzen.
Aber, so meine Erfahrung aus langjähriger Forenarbeit:
Sie haben das gute Potential, Hoffnung zu geben für Menschen, die in ähnlichen Situationen sind, wie du es warst.
Sei herzlich gegrüßt
Inge
@inga808 Danke Dir! Jedoch:
Deine Worte müssen nicht unbedingt Julia etwas nutzen.
Dazu waren sie eigentlich gedacht. Inzwischen denke ich aber, dass queequeg hinsichtlich dieses Punktes genau richtig liegt: Dass wir (also auch ich) Julia hier über das Forum kaum werden helfen können, indem wir ihr was "sagen" (ihr also Ratschläge geben oder sie zutexten, wie ich das tat). Dass es eher angezeigt wäre, sie zu fragen, also herauszubekommen, um was genau es bei ihr überhaupt geht, ihr zuzuhören (zuzulesen... 😉 ). Dass aber dafür ein Diskussions-Forum inklusive mitlesendem Publikum nicht der richtige Ort ist. So wenig, wie eine TV-Show oder eine Bühne mitten auf der Straße dafür ein guter Ort wären.
Dass ich hier also so einen "wall of text" hinknallte, lag letztlich an einem Kontrollverlust: ich vermochte meine schriftliche Logorrhoe, meine Eitelkeit nicht zu kontrollieren, meinen Wahn, aufgrund irgendwelcher "Lebenserfahrungen" ganz besonders kompetent* zu sein hinsichtlich einer Problematik (derer Julias), von der ich praktisch überhaupt nichts weiß.
*Ich las ja vorher schon die anderen - sicherlich gut und hilfreich gemeinten! - Beiträge hier und hatte so das Bauch-Gefühl, dass die Julia nicht wirklich würden helfen können. Und dann, statt wenigstens meine Klappe zu halten, ballerte ich noch so einen Beitrag hinzu, beging also exakt den gleichen Fehler, den ich bei den anderen zu erkennen geglaubt hatte.
Der wichtigste Eindruck aus deinem langen post war : Gib nicht auf!
Mich hat es daran erinnert, wie jedesmal, wenn ich versucht war aufzugeben, jemand von Gott gebraucht wurde, mir zu sagen: Gib niemals auf!
Gott kann auch eingefleischte Atheisten gebrauchen, jemandem einen ermutigenden Impuls zu geben. 😉
Hi Jack
DasMiFü,in dem wir im Moment schreiben, ist kein Diskussionsforum.
Es ist ein Ort für Menschen, die Hilfe suchen und gute Unterstützung.
Dass gerade dieses Forum genau dazu auch in der Lage sein kann, vielfach schon gewesen ist und hoffentlich auch weiterhin sein kann, davon bin ich überzeugt. Beziehungsweise habe es in der Vergangenheitimmer wieder erleben dürfen!
Zank über den richtigen Weg, schlechte Stimmung durch patzige Antworten, und was der Übelkeiten mehr sind, sollten hier eigentlich keinen Platz haben.
Damit meine ich nicht dich.
Der Frosch80 und ich haben heute Nachmittag einmal überlegt, wie viele unterschiedliche Orte wir schon besucht haben, um Menschen zubegegnen, die genau hier es gewagt haben, erstmals über ihre Nöte und Ängste zu reden.
Finger von 6 Händen reichen dazu nicht.
In den zurückliegenden 20 Jahren ist im MiFü und durch das MiFü viel an Positivem geschehen.
Nahezu immer war es der Mut in Not geratener gerade junger Menschen, sich hier meist anonym mitzuteilen.
Leider gibt es diese Funktion seit dem neuen Forum nicht mehr.
Ich persönlich bedauere dies sehr!
Deswegen unterschätze ich genau dieses Forumnicht.
Genau das Gegenteil ist der Fall.
Liebe Grüße
Inge